Liebes Lilli-Team
Ich bin 35 Jahre alt und seit etwa 1.5 Jahren Single. Mit meinem letzten Freund war ich zwei Jahre zusammen, bevor er sich von mir getrennt hat. Das Single-Dasein an sich wäre ganz ok, ich unternehme viel mit Freundinnen und Familie. Allerdings wünsche ich mir Kinder und mir rennt langsam die Zeit davon. Zwischenzeitlich habe ich einige Männer gedatet, woraus sich aber keine feste Beziehung ergeben hat. In einen Mann war ich sehr verknallt, aber er wollte nichts Festes und hat sich auch immer eher unverbindlich verhalten, worauf ich es beendet habe. Bis heute denke ich noch regelmässig an ihn, auch wenn es vielleicht gar nicht so gepasst hätte…
Nun hatte ich beim Online-Dating zwei Männer kennengelernt und fand (blöderweise) beide sympathisch. Ich habe mich dann auch eine Weile mit beiden getroffen, was ich – obwohl wir keine Exklusivität vereinbart hatten – für mich etwas schwierig fand. Mit einem Mann kam es zu keiner körperlichen Annäherung, beim anderen Mann kam es nach dem dritten Date zum Kuss und in späteren Dates auch zu Petting. Nach diesem Date hat mich dieser Mann gefragt, ob wir uns nur noch exklusiv treffen wollen. Ich war im ersten Moment überfordert, weil ich ja den anderen Mann noch getroffen habe und irgendwie auch noch nicht wirklich innerlich bereit war mich zu entscheiden. Ich habe nach längerer Stille zugesagt, dass das für mich in Ordnung sei, ich mir aber über meine Gefühle nicht im Klaren sei. Ich erklärte ihm, dass ich ihn mögen würde und ich das Gefühl hätte, dass wir sehr gut zusammenpassen, aber gleichzeitig nicht so richtig verliebt sei. Er hingegen sagte mir, dass er im Gegensatz zu mir in mich verliebt sei, etwas war er zum ersten Mal in seinem Leben so erlebt hat.
Etwa zur gleichen Zeit kam auch mein Ex-Freund auf mich zu und wollte mich zurück, nachdem er gemerkt hat, dass er wohl während unserer Beziehung ein Burn-Out hatte und darum auch sehr energielos war (was ein wichtiger Grund für unsere Trennung war). Darüber habe ich länger nachgedacht, denn mein Ex-Freund ist ein guter Mensch und er hat auch viele positive Eigenschaften. Aber ich habe die Beziehung in den letzten 1.5 Jahren verarbeitet und mich gefühlsmässig abgegrenzt und seine Lebenssituation nicht ganz stabil (zurzeit keinen Job, lebt seit der Trennung bei seiner Schwester), daher habe ich dies abgelehnt. Aber es hat definitiv nochmals zu meinem Gefühlschaos beigetragen und teilweise hatte ich das Gefühl, dass ich überhaupt nicht mehr weiss, wo ich stehe.
Nun date ich weiter diesen Mann, wir sehen uns regelmässig und verhalten uns in vielen Aspekten wie ein Paar. Bislang hat er zweimal bei mir übernachtet, Sex hatten wir inzwischen schon öfters. Bei einem Treffen fühle ich mich verliebt und denke, doch, dass passt, ich kann mir eine gemeinsame Zukunft vorstellen und wir überlegen auch schon an einem Wochenende zusammen rum. Bei einem anderen Treffen wäre es mir am liebsten er würde wieder gehen und ich fühle mich eingeengt – obwohl ich ihn objektiv nicht für irgendetwas kritisieren kann. Und ich denke mir, hey das müsste die «Honeymoon-Phase» sein, ich sollte doch Zeit mit ihm verbringen wollen. Auch als ich nun in den Ferien war, habe ich ihn kaum vermisst.
Er ist ein guter Typ, unsere Werte stimmen in grossen Teilen überein und wir mögen ähnliche Aktivitäten. Er sieht gut aus (vielleicht nicht 100 % mein Typ, aber gut). Wir wohnen in der Nähe und objektiv gibt es wenig, dass mich stört. Er ist klar daran interessiert die Beziehung weiter zu vertiefen, was ich aber etwas abblocke. Ich verhalte mich ambivalent und fühle mich richtig schlecht dabei. Ich würde selber nicht gerne so behandelt werde, weil ich ihm gemischte Signal sende. Mein Problem ist aber, dass ich mich wirklich ambivalent fühle. Manchmal fühlt es sich sehr gut an, dann plötzlich fühle mich wieder unwohl, ohne einen Grund dafür benennen zu können. Ich hatte bislang drei längere Beziehungen (zwischen 2 und 6 Jahren). Die Beziehungen waren alle ziemlich gesund, am Schluss waren es immer relativ einvernehmliche, gütliche Trennungen (bei den letzten beiden u.a. aufgrund ziemlich unterschiedlicher Aktivitätsbedürfnisse). Ich hatte bei diesen Beziehungsanfängen nie das Bedürfnis mich zurückzuhalten, ich habe mich gefreut, wenn es verbindlicher wurde und ich z.B. den Eltern vorgestellt werden sollte.
Ich weiss nicht, warum es diesmal so anders ist. Ob ich einfach nicht genug verliebt bin, obwohl es objektiv zu passen scheint (und ich auch wirklich immer wieder Dates mit ihm habe, wo ich mich verliebt fühle). Insgesamt habe ich aber weniger Lust auf Körperkontakt, als in anderen Beziehungen. Grundsätzlich merke ich, dass er schneller vorangehen möchte als ich. Und ich finde sein Tempo objektiv gesehen nicht unangemessen (ich find es grundsätzlich völlig ok, nach drei Monaten Dating auch ein Pyjama bei der anderen Person zu lassen), aber mich setzt es – je nach Tagesform – unter Druck. Ich will ihm nicht wehtun, habe aber trotzdem das Gefühl, dass ich ihn mit meinem widersprüchlichen Verhalten verletze.
Habt ihr mir einen Rat, wie ich etwas Ordnung bringe in mein Gefühlschaos? Wie soll ich damit umgehen? Denkt ihr, dass es überhaupt eine Chance gibt, dass sich hier stabile Gefühle entwickeln oder sollte ich das Ganze besser beenden? Ich weiss nicht, was das Gefühlschaos bringt: Setze ich mich unter Druck, weil es nun schon drei Mal mit meinen Beziehungen nicht geklappt hat und ich jetzt nochmals Angst habe, dass es (wieder) der Falsche ist oder setze ich mich unter Druck, dass ich unbedingt eine Familie gründen möchte und mir deshalb an einigen Tagen die Gefühle «schönrede». Ich wäre dankbar um ein paar Inputs!
Entschuldigt, dass der Text so lange geworden ist.
Unsere Antwort
Ich verstehe, dass sich das sehr verwirrend für dich anfühlt. Grundsätzlich rate ich dir, vorsichtig zu sein mit den Erwartungen, wie ein Beziehungsanfang sich anfühlen "soll" oder "muss". Da schwirren viele Ideen herum in unserer Gesellschaft, die nicht immer hilfreich sind. Auch zum Beispiel die Vorstellung einer Honeymoon-Phase, bei der man ununterbrochen mit der anderen Person zusammen sein will. Das muss nicht so sein. Nicht alle Menschen oder Paare haben das so erlebt und führen dennoch sehr innige und liebevolle Beziehungen. Gleichzeitig heißt eine sehr intensive Honeymoon-Phase bei weitem nicht, dass eine gute und stabile Beziehung dabei herauskommt. Auch wie sich Verliebt-Sein anfühlt, kann durchaus unterschiedlich sein, je nach Person und Lebenslage.
Ich denke, du hast schon recht, dass du dich unter Druck setzt. Es könnte übrigens auch sein, dass du deine guten Gefühle für diesen Mann hinterfragst, weil du eine Familie möchtest und deine Ansprüche an einen Partner diesbezüglich vielleicht besonders hoch sind. Genauso sind deine Theorien denkbar. Egal, was davon stimmt, würde ich dir empfehlen, dir Zeit zu geben und den Druck rauszunehmen. Ihr datet erst seit 3 Monaten. Das ist noch nicht sehr lang. Je mehr du mit diesem Mann erlebst, umso mehr können sich deine Gefühle formen und klären. Sei achtsam für deine Gefühle, aber leg auch nicht alles auf die Goldwaage. Auch das gelingt leichter, wenn du mehr Erfahrungen mit ihm hast und damit einen größeren Kontext, in den du die Gefühle einordnen kannst. Denk auch daran: Du hattest schon drei gute Beziehungen. Du hast also offensichtlich die Fähigkeit, gute Partner zu erkennen. Vertrau darauf.
Idealerweise solltest du auch mit dem Mann darüber sprechen. Du sagst, du möchtest ihn nicht verletzen. Das wird dir am besten gelingen, wenn du offen bist mit ihm. Du kannst ihm ruhig sagen, dass du noch nicht recht weißt, wo es mit euch hingeht, du aber neugierig bist, es herauszufinden. Wie gesagt, es ist völlig in Ordnung, das nach 3 Monaten noch nicht zu wissen. Sprich mit ihm, wenn du dich unter Druck gesetzt fühlst. Oft kann man in guten gemeinsamen Gesprächen am besten herausfinden, was da eigentlich gerade in einem selbst los ist.
Übrigens könnte eine weitere Art, Druck rauszunehmen, darin bestehen, dass du dich konkret mit alternativer Familienplanung beschäftigst. Also dir wirklich mal die Zeit nimmst, darüber nachzudenken, ob und wie du Kinder haben könntest, ohne eine klassische romantische Beziehung mit dem Vater zu haben. Mittlerweile gibt es da ja einige Möglichkeiten, wie etwa Regenbogenfamilien, oder eine Samenspende. Vielleicht kommen auch Pflege- oder Adoptivkinder für dich infrage, dann wäre der Zeitrahmen weniger eng.
Letztendlich kannst natürlich nur du wissen, was richtig ist. Ich kann ja nicht in deinen Kopf oder dein Herz gucken. Ich möchte nur dafür plädieren, etwas nicht voreilig zu beenden, nur weil es eventuell nicht die Stereotypen von Romantik erfüllt, die wir oft in unseren Köpfen haben. Hör lieber auf dich und auf das, was für dich ganz individuell passt.
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