Liebes Team von Lilli
Ich m. 29 habe eine Autismus-Spektrum Störung und es gibt derzeit viele Dinge, die mich sehr bedrücken.
Vor einigen Monaten habe ich zu meiner gesamten Familie endgültig den Kontakt abgebrochen. Der Hauptgrund war, dass ich in meiner Familie nicht richtig respektiert und oft ausgelacht werde. Schon in der Schule war ich immer nur das "Problemkind", meine Eltern hatten sich ständig gestritten wegen mir. Es kam dann auch zu einer Scheidung und ich dachte lange, dass ich an der Scheidung mitschuldig sei. Es war eigentlich immer schlechte Stimmung zuhause, jahrelang gab es Stress, Gerichtstermine und jeder Elternteil hat versucht, mich auf seine Seite zu ziehen. Nach der Schule während meinem Studium hat sich der ständige Stress dann aber insofern verändert, dass es zunehmend darum ging, Druck auf mich auszuüben. Ich hielt dem Druck aber nicht stand und musste insgesamt 3 Mal für mehrere Monate in die Klinik gehen. Trotzdem wurde der Druck, dass ich mein Studium unbedingt fertig machen muss, immer weiter erhöht, sogar mit Hilfe von Anwälten. Meine Eltern haben auch gesagt, dass ich zu wenig dankbar sei, dass ich für sie nur ein "Arschloch" sei, und, dass ich ausserdem schuld sei an ihren finanziellen Problemen, weil mein Studium nicht schnell genug vorwärts geht. Ich müsse ihnen finanziell helfen und sobald es geht, das geld für mein studium mit Zinsen wieder zurückzahlen.
Besonders schlimm war für mich auch der Tag, an dem die Masterzeugnisse verteilt wurden, also als ich dann (mit einigen Semestern Verspätung) mein Studium erfolgreich abschliessen konnte. Die anderen gingen nach der offiziellen Feier alle in Restaurants mit ihren Eltern essen, bloss bei meinen Eltern war das leider nicht möglich, weil es wieder Streit gab, öffentlich vor allen Leuten. Meine Eltern haben sich überhaupt nicht gefreut, dass ich das Studium abgeschlossen hatte, es ging einmal mehr nur darum, eine Szene zu machen. Ich bin von der Zeugnisfeier dann einfach weggelaufen und musste zuhause lange weinen. Es war der bisher schlimmste Tag in meinem ganzen Leben. Seit Abschluss des Studiums werde ich sogar noch wesentlich häufiger als "Arschloch" beschimpft, als zuvor.
Ich bin auch enttäuscht von meinem Therapeuten. Er hat mir eigentlich versprochen, dass mein Leben besser wird, wenn ich das Studium abschliesse. Doch leider ist genau das Gegenteil eingetreten. Mein soziales Umfeld ist komplett weggebrochen, ich habe kein klares Ziel mehr, ich habe keinen richtigen Job, und ich habe sogar chronische Schmerzen entwickelt, die nun nicht mehr weggehen, trotz zahlreichen Behandlungen.
Ich lebe jetzt alleine in einem kleinen Zimmer, meine Eltern wissen die Adresse nicht. Trotzdem denke ich oft an meine Eltern, weil eigentlich habe ich sie noch immer lieb, auch wenn ich für sie nur ein "Arschloch" bin. Ich habe etwa 10 Jahre lang immer wieder versucht mit meinen Eltern eine Mediation zu machen, aber sie haben das dann schon nach der ersten Sitzung abgebrochen, ich weiss also nicht, was ich noch tun könnte. Es gab auch nie jemand, der sich in meiner Familie mal für mich eingesetzt hätte, also z.B. jemand, der sagt, dass es nicht in Ordnung ist, mich mit "Arschloch" anzusprechen.
Ich fühle mich sehr einsam und unglücklich. Am Wochenende liege ich stundenlang im Bett, weil ich mich so kraftlos fühle. Es fühlt sich so an, als hätte alles keinen Sinn. Ich liege einfach in meinem Bett und spüre, dass ich mich nicht wohl in meinem eigenen Körper fühle und mein Körper weh tut.
Ich weiss gar nicht, was ich Euch nun konkret als Frage stellen könnte. Ich hätte gerne eine Ersatz-Familie oder wenigstens eine Bezugsperson, die mich versteht. Für mich ist es jedoch schwierig mündlich Gespräche zu führen, ich kann mich schriftlich viel klarer ausdrücken. Ich habe das Gefühl, dass wenn ich irgendwann mal sterbe, dass dann niemand zu meiner Beerdigung kommen wird. Dieses Schicksaal macht mich sehr traurig.
Unsere Antwort
Du kannst dich schriftlich wirklich sehr gut ausdrücken, und du beschreibst ein eindrückliches Bild deiner Situation. Ich finde es bemerkenswert, dass du es unter diesen katastrophalen familiären Bedingungen geschafft hast, ein Studium abzuschließen. Vielleicht hat der Therapeut gemeint, dass du nach dem Abschluss des Studiums finanziell unabhängiger bist, und das ist sicher ein Vorteil. Dein Therapeut konnte ebenso wenig wie du deine Zukunft vorhersehen, und deshalb konnte er dir auch nichts versprechen. Aber er meinte es sicher gut, als er das sagte. Siehst du diesen Therapeuten immer noch? Wenn ja, sag ihm, dass sein Versprechen nicht eingetreten ist und dass es dir jetzt so schwer fällt mit deiner Situation. Du kannst dann mit ihm zusammen mögliche Lösungen besprechen.
Von der Ferne betrachtet scheint es schwer verständlich, dass du deine Eltern liebst, weil sie dich emotional so gequält und missbraucht haben. Doch gerade in so stressigen Familiensituationen können sich starke Bindungen entwickeln. Ablehnung durch die Eltern kann zu starker Sehnsucht nach den Eltern führen. Gerade deshalb wird die Ablösung und Emanzipation von deinen Eltern sehr wichtig. Denn sie scheinen es wirklich nicht gut mit dir zu meinen. Es geht tatsächlich darum, dass du eine neue "Familie" aufbaust. Eine Familie, das können gute Kollegen und Freunde sein, das können dann auch Partner*innen in Liebesbeziehungen sein, eigene Kinder und sonstige Bezugspersonen.
Du hast es während des Studiums geschafft, dich in einem sozialen Umfeld wohlzufühlen. Das bedeutet, du hast soziale Fähigkeiten. Ich kenne deine Lebensumstände nicht. Warum hast du keinen richtigen Job? Was würdest du gern machen, wenn du könntest? Was bräuchte es, damit du dort hin kommst?
Wenn du Schwierigkeiten hast, mit Menschen zu kommunizieren, würde ich dir auch empfehlen, dass du mit anderen Menschen Kontakt aufnimmst, die im Autismusspektrum sind, resp. die neurodivergent sind. Es gibt dazu im Internet viele Gruppenangebote – Gruppen von Menschen, die miteinander etwas unternehmen oder Selbsthilfegruppen und mehr. Das könnte ein wichtiger erster Schritt sein, der dir helfen könnte, dass du nicht so alleine mit deinem Erleben und deinen Problemen siehst.
Ein weiterer Punkt wären Aktivitäten, die dich aus der Wohnung bewegen. Machst du irgendeinen Sport? Hast du irgendein Hobby? So wie du dich gerade beschreibst, bist du in so einem depressiven Energieloch. Da hilft Bewegung oft sehr gut. Schau dir dazu bitte diesen Text dazu an, wie du deine Stimmung über den Körper beeinflussen kannst. Die chronischen Schmerzen hängen möglicherweise mit hoher Spannung zusammen. Hier wäre lockere Bewegung auch eine gute Idee.
Ganz wichtig ist deine Beziehung zu dir selbst. Es geht darum, dass du Mitgefühl für dich selbst entwickelst. Man nennt das auch Selbstliebe. Das ist nicht einfach zu entwickeln, wenn man ständig fertig gemacht wurde und wenn einem ständig irgendwie gezeigt wurde, dass man nicht liebenswert sei. Ich finde es wirklich beeindruckend, dass du es trotzdem so weit gebracht hast. Vielleicht interessiert dich dieser Text. Darin beschreiben wir, welche Probleme mit einer "schwierigen Kindheit" zusammenhängen können. Von dem Text wirst du auf weitere Texte verlinkt, die wir vielleicht etwas weiterhelfen.
Du kannst uns auf jeden Fall immer wieder schreiben. Gib einfach, wenn du uns wieder schreibst, die Nummer dieser Frage an, damit wir wissen, dass es du bist.
Schau dir mehr Antworten und Infotexte an zum Thema