Hi, ich bin‘s, Nummer 39837. Als erstes möchte ich danke sagen, dass ihr so geduldig mit mir seid. Ich weiss, dass ich ziemlich schwer zu ertragen sein kann. Also danke.
Also, ich habe eure Nachricht gelesen. Ich habe viele Dinge ausprobiert, ja, aber nicht nur 1 oder 2 Mal. Ich habe es wirklich mehrmals ausprobiert und probiere manches immer wieder. Und ich mache auch Pausen, ich mache es nicht jeden Tag. Ich warte manchmal ein paar Tage oder sogar auch ein oder zwei Wochen bevor ich es wieder versuche. Und jedes Mal ist es gleich. Neutral. Vielleicht ein bisschen komisch.
Ich kann mir das einfach nicht erklären. Zu Hause ist eigentlich alles okay. Meine Eltern sind eigentlich gut, aber ich habe oft das Gefühl, dass ich meine Gefühle verstecken muss. Also sehen sie mich meistens Glücklich, auch wenn ich‘s nicht bin. Ich weiss, dass meine Eltern mich lieben. Sie sagen es und umarmen mich auch, aber ich fühle dann auch nichts. Ich spüre keine Liebe. Vielleicht bin ich einfach undankbar oder so ka.
Als Kleinkind hat mich mein Körper überhaupt nicht interessiert. Also habe ich es nie wirklich erkundet oder spüren gelernt oder was auch immer. Aber ich habe es fast mein ganzes Leben lang gehasst. Jetzt immer noch. Doch das ist gerade nicht so wichtig.
Für mich gibt es keine Sportarten, die ich gern habe. Seit dem Sport ein offizielles Fach in der Schule ist, hasse ich Sport im allgemeinen. Ich hatte immer solche Angst vor dem Sportunterricht. Habe ich auch immer noch. Ich kann manchmal am Abend zuvor gar nicht schlafen und manchmal weine ich im WC, was völlig erbärmlich von mir ist. Also fühle ich mich danach immer völlig erschöpft, dreckig, hässlich und allgemein schlecht. Etwas, das mir biologisch gesehen (habe ich gelesen) ein besseres Gefühl geben sollte, macht es eigentlich einfach nie. Aber ich denke, dass das nicht sehr relevant ist.
Danke nochmals, dass ihr euch Zeit genommen habt, meine Nachricht durchzulesen. Vielleicht ist diese Nachricht ein bisschen persönlicher.
Unsere Antwort
Du bist nicht schwer zu ertragen. Ich erlebe dich als neugierig, geduldig, klug und zielstrebig. Es ist eine gute Idee, dass du dranbleibst an dem, was dich beschäftigt und dir dafür die notwendige Unterstützung suchst. Das ist eine ganz wichtige Lebenskompetenz.
Das, was du von deinem Elternhaus beschreibst, hört sich für mich nicht "eigentlich okay" an. Es ist extrem belastend, ständig so zu tun als würde es dir gut gehen und niemanden zu haben, dem du mitteilen kannst, wie es dir wirklich geht. Du bist ganz schön allein mit deinen Gefühlen.
In einem solchen Umfeld hast du gut gelernt vor den anderen zu verbergen, was du wirklich fühlst. Ich vermute, du hast das so gut gelernt, dass du es selbst auch nicht mehr gut spüren kannst. Was du also richtig gut gelernt hast, ist: Gefühle wegmachen und Empfindungen wegschieben. So kommst du in deiner Familie besser klar. Um bei der Selbstberührung etwas angenehmes zu empfinden, steht dir diese Kompetenz allerdings im Weg.
Wie klingt das für dich? Ist das eine treffende Beschreibung? Was empfindest du anders?
Eigentlich ist es die Aufgabe deiner Eltern, dich mit all deinen Gefühlen und Empfindungen anzunehmen und zu begleiten. So kannst du lernen, deine Gefühle als wertvollen Teil von dir zu akzeptieren. Deine Eltern helfen dir, grosse Gefühle wieder zu beruhigen. Und sie helfen dir, Gefühlen Ausdruck zu verleihen, statt sie zu unterdrücken. Viele Eltern haben aber selbst Schwierigkeiten im Umgang mit ihren Gefühlen und können das ihren Kindern nicht gut vorleben. Dann finden die Kinder selbst irgendwann Wege, wie sie das lernen können oder sie tragen die Schwierigkeiten ebenfalls ihr Leben lang mit sich herum.
Kannst du mir genauer beschreiben, woher dein Gefühl kommt, dass du deine Gefühle verstecken musst? Was tun deine Eltern, um diese Erwartung bei dir zu wecken?
Liebe geht auch damit einher, wirklich gesehen zu werden. Wenn du verstecken musst, wie es dir wirklich geht, kann ich gut verstehen, dass du keine Liebe fühlst.
Ich finde es wichtig, zu wissen, dass du deinen Körper hasst. Denn das kann dazu beitragen, dass es dir schwerfällt, angenehmes in deinem Körper zu spüren.
Es tut mir wirklich leid zu hören, dass es dir so schlecht geht mit dem Sportunterricht. Du solltest da nicht allein durchmüssen. Weinen allein hilft nicht unbedingt, dass du dich besser fühlst. Getröstet werden hilft, dass du dich besser fühlst. Wer könnte da für dich da sein?
Mich würde noch interessieren: Was macht dir Angst beim Sportunterricht? Was genau ist da schwierig für dich?
Grundsätzlich finde ich es eine gute Idee, wenn du mit deinem Körper deine Kraft erlebst. Ich hatte dir ja schon Tanzen und Sport vorgeschlagen. Jetzt sagst du, dass dir überhaupt nichts davon Spaß machen könnte. Gibt etwas anderes, was dir gefallen könnte? Etwas wofür du Kraft brauchst zum Beispiel Steinmetzen? Schnitzen? Mit Werkzeug etwas bauen?
Mich würde ganz allgemein interessieren, was du in deiner Freizeit machst. Magst du Musik? Wie ist das bei dir mit dem Essen? Isst du etwas besonders gern? Hast du Haustiere? Magst du die Natur? Gehst du gern raus? Bastelst du? Was machst du gern? Du hast von deinen Freundinnen erzählt. Was unternimmst du mit denen?
Ich würde gern mit dir erforschen, welche Dinge es gibt, die dir grundsätzlich gefallen. Dann schauen wir gemeinsam, wie wir daraus etwas machen können, was dir helfen könnte.
Schreib uns das gerne auf und meld dich wieder.
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