Hallo Lilli,
vor über 10 Jahren hatte ich einen Job, der mich so gequält hat, dass ich ein jahrelanges schlimmes Burnout hatte und dem noch viele Krankheiten folgten. Inzwischen geht es mir besser, und ich mache zur Umschulung ein Fernstudium. Es gefällt mir und ich bin schon ziemlich weit.
Ich habe nur das Problem: sobald mich ein Fach inhaltlich quält, fällt mein Körper in das vegatative Muster von dem alten Job zurück. Ich werde unruhig, zappelig, unterbreche dauernd, bin ablenkbar, habe einen Fluchtreflex und ein Gefühl von Qual. Die Zeit dehnt sich. Zum Glück ist dieses jetzt das erste Fach, das diese Flashbacks auslöst und ich bin schon am Ende des Studiums.
Ich komme mit diesem Fach nicht weiter. Die Qual ist so groß während den Videos, und ich schalte alle paar Minuten aus und mach kurz was anderes, was mich total an mir nervt. Aber ich will einfach fliehen. Es erinnert so sehr an das Gefühl damals in dem Job.
Was kann ich tun, um dieses Fach zu bewältigen? Ich habe Angst, dass alle meine bisherigen Studienleistungen daran scheitern...
Vielen Dank :-)
Unsere Antwort
Es tut mir leid, dass du durch eine so quälende Zeit durch musstest. Mich würde interessieren, wie du es geschafft hast, dass es dir heute besser geht. Hast du die Zeit von damals mit Unterstützung von Fachpersonen aufgearbeitet? Wer war für dich da und hat dich getröstet? Wer könnte dich heute unterstützen?
Du hast damals in deinem Job etwas erlebt, was deine Bewältigungsressourcen überfordert hat. Was auf eine solche Überforderung häufig folgt ist eine Auswirkung auf den Körper in Form von zum Beispiel anspannter Atmung, harten Muskeln, beengter Haltung, oder eine Schlaffheit in Form von Taubheit oder Abspaltung vom Körper. Das wird häufig als Schutz wahrgenommen, aber auf lange Sicht steht es dir im Weg. Du brauchst wirkungsvollere Methoden mit der Gefahr umzugehen, ohne überwältigt zu werden. Kannst du etwas, von den körperlichen Auswirkungen bei dir erkennen?
Die Videos scheinen die Gefahr von damals wieder hochzuholen. Und du fühlst dich damals wie heute machtlos. Gerne unterstütze ich dich dabei, wie du von den Videos nicht mehr aufs Neue überwältigt wirst.
Du kannst lernen, den vegetativen Zustand, den du beschreibst, zu überwinden.
Eigentlich hast du ideale Übungsbedingungen. Wenn ich dich richtig verstehe, lernst du mit Videos, die du jederzeit unterbrechen kannst. Du kannst also verlangsamen, um deine Reaktion zu spüren. Dabei ist es ganz wichtig, dass du dich langsam herantastest.
Du spürst, wann es zu viel ist. Wir wollen hier gerade so viel, dass du merkst, dass dein Körper reagiert, aber nicht so viel, dass du in die Überforderung kommst. Möglicherweise reicht es schon aus, nur daran zu denken, die Videos anzuschauen. Beobachte, wie dein Körper reagiert. Du kontrollierst, wie viel du dir zutraust. Weniger ist mehr.
Wenn du eine milde Form der Gefahr gefunden hast, beobachte wie dein Körper reagiert. Wo spannst du an? Wo wirst du schlaff? Wo bewegst du dich weg? Wohin geht deine Aufmerksamkeit?
Überlege dir, zu welchem Zweck du diese Dinge mit deinem Körper tust. Wofür ist das gut, was du tust? Inwiefern hilft dir deine körperliche Reaktion dabei, die Gefahr zu kontrollieren und Sicherheit herzustellen?
Nehmen wir an, du bist soweit, dass du beobachtet hast, was du tust. Und du hast eingeschätzt inwiefern es für dich hilfreich ist. Dann kannst du deine automatische Reaktion durch andere Verhaltensweisen ersetzen. Spürst du die Verbindung deiner Füße zum Boden? Darf dein Atem sich in deinem Körper ausbreiten? Sitzt du aufrecht? Wie fühlt sich der Raum um dich herum an, also bist du ganz in dich zurückgezogen oder gibt es Raum in alle Richtungen, um dich herum, der zu dir gehört? Diese körperlichen Reaktionen helfen dir, Sicherheit herzustellen. Mit der Zeit wirst du mehr und mehr erkennen können, wann du nicht-hilfreiche Reaktionen mit deinem Körper machst und sie durch hilfreiche Reaktionen ersetzen.
Falls du mehr dazu wissen möchtest, empfehle ich dir dazu diesen Text von Paul Linden und möchte dir auch sehr das Buch "Das Lächeln der Freiheit" von Paul Linden ans Herz legen. Ausserdem empfehle ich dir diesen Text. In dem Text und den dort verlinkten Texten erfährst du, wie deine körperlichen Reaktionen mit dem autonomen Nervensystem zusammenhängen und wie du sie beeinflussen kannst.
Berichte gerne, wie es dir mit den Übungen ergangen ist. Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem weiteren Studium.
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