Hey, ich bin m. 24 single und habe eine Frage zum Thema Männerfreundschaft.
Meine Kindheit war ziemlich schwierig, zum beispiel in der Schule wurde ich von den anderen jungs jahrelang gemobbt. Man hat mich immer wieder ausgelacht, besonders beim Schulsport. Manchmal gabs auch schlägereien oder Hinterhalte auf dem Schulweg. Ich hatte immer Angst in die Schule zu gehen und die anderen Jungs fand ich grundsätzlich doof und uninteressant. Ich hatte deshalb nur sehr sehr wenige Freunde. Das hat sich auch während der Pubertät nicht gross geändert, auch wenn ich nur noch sehr vereinzelt mal gemobbt wurde.
Für ernsthafte Freundschaften war ich eigentlich erst offen so ab 18 oder 19 Jahren. Ich habe mich dann zum ersten Mal in meinem Leben wirklich darum bemüht, eine Freundschaft aufzubauen. Teilweise ist mir das dann auch gelungen, wenigstens vorübergehend für ein paar Jahre. Problematisch war daran einfach, dass ich mich seltsamerweise bevorzugt mit bad boys angefreundet habe. Also mit Typen, die zwar sehr warmherzig und sympathisch sind, gleichzeitig aber auch ziemlich unzuverlässig und immer am Rand der Kleinkriminalität. Ich fand das aber auch irgendwie sehr spannend, die verschiedenen Geschichten zu hören von Cannabis, Führerschein-Ausweisentzug, Nachtruhestörungen und so und hab auch immer mitbekommen wenn von der Polizei wieder mal eine Busse wegen irgendetwas kam. Ich hatte vor allem auch mit meinem besten Kumpel aus dieser Zeit einige sehr gute Gespräche, zB vertraute er mir an, dass er als Junge auch gemobbt worden ist und heute deshalb Krafttraining macht um möglichst dicke Oberarme zu haben, um sich in Notfällen wehren zu können. Ich habe von ihm manchmal auch echt feste Umarmungen bekommen, das fand ich sehr schön von ihm. Er hat versucht, mich damit zu trösten. Er hat mir auch anvertraut, dass er mit unserer Gesellschaft und dem ganzen Leistungsdruck darin nicht klarkommt und deswegen auch schon an Suizid gedacht hat und ich hab ihm dann erzählt, dass ich exakt das gleiche Problem habe. Solche Gespräche hatten wir manchmal stundenlang die ganze Nacht hindurch, sowas positives hatte ich zuvor noch nie erlebt. Die Probleme in unserer Freundschaft fingen aber leider an, als er eine Freundin hatte. Dann hatte er eigentlich nur noch Zeit für seine neue Freundin. Er hat auch einige fiese Sachen gesagt, die mich extrem verletzt haben und zwar, dass ihm der regelmässige sex mit seiner Freundin wichtiger ist als unsere Männergespräche. Irgendwann ging die Freundschaft dann komplett kaputt und wir haben uns jetzt schon seit 1.5 Jahren nicht mehr gesehen. Mein Verstand sagt mir, dass er eine bad boy-persönlichkeit hat und es darum vielleicht sogar besser ist, wenn ich jetzt keinen kontakt mehr zu ihm habe. Aber mein Herz hängt halt trotzdem noch sehr an ihm und oft wünsche ich mir, dass er immernoch da wäre für mich und zeit hätte. Ich bin oft sehr sehr traurig deswegen. Ich verstehe auch nicht richtig, wieso ich mich eigentlich mit solchen unzuverlässigen bad boys emotional so stark verbunden fühle und mit ihnen befreundet sein möchte.
Im Moment ist es jedenfalls so, dass ich mich sehr alleine fühle. Ich bin auch sehr sehr unglücklich, weil ich zurzeit ohne Job bin und mich stresst es enorm zu Vorstellungsgesprächen gehen zu müssen wo man unangenehme Fragen beantworten muss und so. Es ist einfach scheisse, wenn man keine richtigen Freunde hat und sich überall als kompletter Aussenseiter fühlt. Ich weiss nicht, wie ich eine neue Männerfreundschaft finden soll, also jemand, der mich wirklich vollumfänglich versteht, so wie mein alter Kumpel. Ich hab auch den Eindruck, dass es mit zunehmendem Alter immer schwieriger wird, noch eine funktionierende Männerfreundschaft zu finden. Ich leide bis heute darunter, dass ich in der Schule so stark gemobbt worden bin und darum nie ein stabiles Netz von Freundschaften aufbauen konnte.
Unsere Antwort
Deine Erfahrungen mit Männern sind in deiner Jugend von Mobbing geprägt. Eigentlich ist es doch sehr verständlich, wenn du dich jetzt eher mit Männern anfreundest, denen die eigene Kraft wichtig ist. Dein Freund sagte sogar: er braucht kräftige Oberare, damit ihm niemand mehr etwas tut. Ihr habt also beide dasselbe Thema: Männlichkeit. In deiner Männer-Freundschaft sagst du über eure Gespräche: «…sowas positives hatte ich zuvor noch nie erlebt». Du hast mit dem Freund erfahren, dass Freundschaft und der Austausch deiner Männlichkeit gut getan haben. Nun hat dein Freund einen weiteren Aspekt der Männlichkeit entdeckt. Die emotionale und sexuelle Beziehung zu einer Frau bestätigt ihn als heterosexuellen Mann. Anscheinend ist das für ihn im Moment wichtiger als die Männergespräche. Bei deinem Freund hast du gelernt, dass Männergespräche gut tun. Er hat dir aber auch gezeigt, dass es noch weitere Wege gibt, die eigenen Männlichkeit zu pflegen. Wir raten dir zu einem eigenen Weg, damit du dich in deiner Haut als Mann wohl zu fühlen lernst. Lies doch mal unseren Text: «Wie fühle ich mich als Mann in meiner Haut wohler?». Wenn du dich selbst ernst nimmst und gut zuhörst, wirst du eine Vorstellung von dir als Mann entwickeln können.
Schau dir mehr Antworten und Infotexte an zum Thema