Hallo, ich bin eine Frau Ende 30 und habe eine Frage dazu, wie ich besser reagieren kann, wenn jemand meine Grenzen überschreitet. Ich habe bei mir Folgendes bemerkt: Wenn jemand meine Grenzen überschreitet, nehme ich das häufig entweder erst mit Verzögerung wahr, reagiere erst später darauf oder manchmal gar nicht.
Ein Beispiel: Ich war auf einer Veranstaltung und habe in einer Runde von meiner Trennung erzählt. Später kam ein Mann (den ich zwar kenne, aber mit dem ich nicht besonders vertraut bin) noch einmal auf mich zu und sprach mich darauf an. Er wollte mir tröstende Worte sagen, obwohl ich in dem Moment weder traurig war noch nach Trost gefragt hatte. Während des Gesprächs legte er seine Hand auf meine Schulter.
Für mein Empfinden wäre – wenn überhaupt – ein kurzes Auflegen der Hand völlig ausreichend gewesen. Er ließ seine Hand jedoch während des gesamten Gesprächs auf meiner Schulter. Ich hatte die ganze Zeit ein ambivalentes Gefühl: Einerseits mag ich Körperkontakt und die Wärme eines anderen Menschen. Andererseits habe ich deutlich gespürt, dass seine Hand viel zu lange dort blieb und sich Druck und Wärme zunehmend zu intim und unangenehm anfühlten.
Zwischen diesen beiden Empfindungen bin ich innerlich hin- und hergependelt. Ich konnte weder in dem Moment noch danach sagen: „Bitte frag mich vorher, bevor du mich berührst“ oder „Mir ist der Körperkontakt gerade zu viel.“ Ich konnte mich auch nicht einfach lösen und habe stattdessen weitergeredet. Es fühlte sich an, als wäre meine Reaktion wie eingefroren oder für mich nicht zugänglich.
Immerhin habe ich schon währenddessen beziehungsweise kurz danach gemerkt, dass mir sein Verhalten nicht gefallen hat. Es hat sich angefühlt, als wäre mein Körper gleichzeitig mit zu vielen Dingen beschäftigt gewesen: das Gespräch führen, die Situation einschätzen, in mich hineinspüren, wie sich die Berührung anfühlt – und gleichzeitig nicht handlungsfähig sein.
Wie kann ich trainieren, in solchen Situationen unmittelbarer zu reagieren und auszusprechen, wenn mir etwas nicht passt, damit ich meine Grenzen besser wahren kann?
Ich habe Ähnliches auch in vielen anderen Situationen erlebt: Oft merke ich erst Stunden oder sogar Tage später, dass etwas für mich nicht stimmig war oder dass mich jemand verletzt hat. Falls mein Beispiel nicht ausreicht, kann ich gern noch weitere Situationen schildern.
Danke für eure Antworten!
Unsere Antwort
Du beobachtest dich gut und hast ein Muster in deinem Verhalten entdeckt. Das ist gut. Jetzt kannst du den Ablauf in Ruhe studieren. Du magst Körperkontakt. Auch das ist gut. Darum dürfen dir Menschen nahe kommen. Du merkst aber auch, dass du selbst den Kontakt wünschen musst, wenn es sich gut anfühlen soll. Der Mann ist seinen Bedürfnissen gefolgt. Und er hat dich nicht gefragt. Schon kommt in dir Abwehr-Gedanken hoch: ‚zu intim‘ ‚zu lange’ ‚zu warm‘ etc. Wie ist das jetzt bei dir? Gehen nur deine Gedanken einen Schritt zurück und wünschen die Hand weg? Oder könnte dein Körper mitgehen? Wenn du in einer unangenehmen Situation Abwehr-Gedanken hast, aber mit dem Körper nicht Ausweichen reagierst, ist es doch eigentlich logisch, dass du dich wie eingefroren fühlst. Du kannst weder vor noch zurück. Mit so einem eingefrorenen Körper fehlen dir logischerweise auch die richtigen Wörter.
Du nimmst deine Befinden, Bedürfnisse und deine Grenzen sehr gut wahr. Du hast aber wohl gelernt, nicht mit einer Bewegung zu reagieren. Du könntest jetzt die Eigenbewegung trainieren. Beobachte mal in allen Situationen in der nächsten Zeit, welche Impuls dir dein Körper zeigt. Möchte er eher näher an die andere Person heran? Oder stehst du gern neben der Person und möchtest da bleiben? Oder brauchst du mehr Abstand? Gib dem Impuls mal soweit nach, wie du es dir zutraust. Zunächst werden dir solche regulierenden Bewegungen vielleicht fremd vorkommen. Vielleicht findest du sie auch ungehörig. Wir ermutigen dich, diese Regulierungen so lange zu üben, bis sie dir normal vorkommen. Du wirst merken: wenn du deine inneren Impulse ernst nimmst, kannst du einen Teil der Regulierung selbst übernehmen. Das macht selbstsicher. Und wenn jemand immer nachrückt, wenn du etwas zurück gehst oder dir mit der Hand auf deine Schulter folgt, wenn du sie wegziehst, fallen dir mit der Zeit auch die richtigen Abgrenzungs-Wörter ein.
Du könntest auch noch studieren, wie du das Einfrieren und Aushalten gelernt hast.
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