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Frage Nr. 41763 von 12.10.2026

Liebes Lilli-Team

Mein Frage dreht sich darum, dass ich nicht wirklich mit meiner Homosexualität klarkomme. Ich bin noch Jungfrau und hatte bis jetzt eigentlich noch nie was mit anderen jungs/männern. Vor kurzem bin ich in eine andere Stadt umgezogen für mein masterstudium.

Mein schwulsein hat irgendwie zwei völlig verschiedene seiten, die für mich nur schwer zusammenpassen. Einerseits geht es um tiefe gefühle für andere jungs, andererseits aber auch rein um das sexuelle.

Ich habe ein anonymes profil auf Grindr, das ich meistens einfach für schwanzvergleiche mit anderen typen nutze. Also ich tausche im chat fotos von meinem penis mit anderen, ohne mein gesicht zu zeigen. Die anderen zeigen ihr gesicht in der regel auch nicht. Grindr ist sehr diskret, als Profilbilder werden häufig nackte Oberkörper genutzt. Ich nutze Grindr einfach um mit anderen typen zu schreiben und mir tipps zu holen zum thema schwulsein oder selbstbefriedigung. Manchmal masturbiere ich online auch mit den anderen typen und wir senden uns kurze videos wie wir unsere penisse masturbieren, so helfen wir uns gegenseitig zum samenerguss zu kommen. Ich finde das irrsinnig geil. Nach dem orgasmus, also wenn die ganze Lust weg ist, frage ich mich jedoch häufig, ob das jetzt wirklich nötig gewesen war, so viele intime bilder von meinem penis an andere zu senden (wo sie vielleicht an dritte weitergeschickt werden) und ob das eigentlich normal ist. Manchmal ist es mir auch schon passiert, dass jemand mit dem ich zusammen masturbiert hatte, mich direkt blockierte, sobald er seinen orgasmus hatte. ich hab über Grindr oft auch schon etwas merkwürdige fragen oder feedbacks zu meinem penis bekommen, also zB. was für eine nationalität ich hätte (viele denken, ich wäre muslim weil mein penis als kind aufgrund phimose beschnitten wurde) oder, dass meine schamhaare etwas eklig seien. Dabei schaue ich regelmässig, dass meine schamhaare immer gestutzt und sauber sind. Also auf Grindr ist leider manchmal eine etwas angespannte Stimmung unter den Schwulen. Es geht prinzipiell allein darum, ob man top oder bottom ist, also ob man Lust auf einen spontanen Fick hat, zwar mit Kondom aber völlig anonym und ohne gefühle.

Nun zu der anderen Seite von meinem Schwulsein: An der Uni passiert es oft, dass ich zB. in der Bibliothek sehr gut aussehende 20-jährige Jungs sehe und sofort in sie verknallt bin. Hier hat es überhaupt keine sexuelle Komponente, ich würde einfach nur gerne mit solchen typen händchen halten, sie umarmen, mit ihnen zeit verbringen und so. Es ist eine komplette Reizüberflutung für mich an der Uni, es kann schon mal passieren, dass ich am gleichen Tag nacheinander in 3 verschiedene Typen verknallt bin, denen ich begegne. Ich bin so stark verknallt, dass ich an nichts mehr anderes denken kann. Auch wenn ich gar nicht an etwas sexuelles denke, bekomme ich trotzdem manchmal eine erektion und das kann echt nervig sein, zB. auf dem pissoir an der uni, wenn ich durch meinen halb-steifen penis nicht so gut pinkeln kann.

Ich bin sehr scheu und getraue mich gar nicht richtig, einen von den vielen härzigen typen anzusprechen. Die typen auf Grindr möchte ich jedoch jetzt auch nicht unbedingt direkt zu mir in mein kleines Zimmer nehmen, weil es sehr ringhörig ist, also d.h. falls wir in meinem Zimmer zusammen Sex hätten, könnten es die anderen Studenten wohl voll hören und mir wäre das peinlich. Vor kurzem habe ich nämlich mitbekommen wie der bewohner im zimmer über mir sex mit seiner freundin hatte und man alles gehört hat.

Eigentlich wollte ich mich voll und ganz auf das Studium konzentrieren, aber ich bekomme meine romantischen Gefühle und meine Lust nicht unter Kontrolle. In meinem Zimmer habe ich fast immer eine Hand in der Hose an meinem penis, einfach, weil es sich gut anfühlt. Es ist aber auch eine ziemliche Ablenkung vom Studium, wenn ich bis 2 Uhr morgens noch mit Typen auf Grindr Schwanzvergleiche mache. Aber ich brauche das einfach, von anderen männern komplimente für meinen penis zu bekommen.

Manchmal würde ich mir wünschen einfach hetero zu sein so wie der student im zimmer über mir, der scheint nicht wirklich probleme beim ausleben seiner sexualität zu haben.

Wie kann ich besser damit umgehen, dass ich schwul bin?

Unsere Antwort

Ich kann gut nachvollziehen, dass dich deine Sexualität im Moment ziemlich beschäftigt und du dir mehr Ruhe wünschst. Mit dem Umzug in eine neue Stadt beginnt ein neuer Lebensabschnitt, in dem du vielleicht auch Seiten von dir freier ausleben möchtest. Rechtfertige dich nicht dafür, dass du schwul bist. Lass dir Zeit, Erfahrungen zu sammeln und herauszufinden, was sich für dich gut und stimmig anfühlt.

Du beschreibst zwei Seiten deiner Sexualität, die für dich momentan schwer zusammenpassen: Einerseits empfindest du intensive romantische Gefühle für Männer und wünschst dir Nähe, Zärtlichkeit und gemeinsame Zeit. Andererseits erlebst du eine starke sexuelle Lust, die du unter anderem auf Grindr auslebst. Verliebtheit, Zärtlichkeit, sexuelle Erregung und der Wunsch nach einem Orgasmus sind unterschiedliche Aspekte der Sexualität. Sie können miteinander verbunden sein, müssen es aber nicht. Du darfst dir sowohl sexuelle Erlebnisse als auch Liebe und Geborgenheit wünschen.

Auch deine starken Verliebtheitsgefühle und die Erektionen, die du dabei manchmal bekommst, sind kein Grund, dich zu verurteilen. Du kannst jemanden sehr anziehend finden und dir vor allem Nähe wünschen, während dein Körper gleichzeitig mit einer Erektion reagiert. Eine Erektion bedeutet nicht automatisch, dass du Sex haben möchtest. Du musst deshalb weder etwas unternehmen noch deine Gefühle sofort einordnen können.

Du schreibst, dass du dich an der Uni manchmal innerhalb eines Tages in mehrere Männer verliebst und dann kaum noch an etwas anderes denken kannst. Vielleicht kannst du üben, diese Gefühle wahrzunehmen, ohne gleich etwas daraus machen zu müssen. Du darfst dich über einen attraktiven Mann freuen und dich anschliessend wieder deinem Studium zuwenden. Das gelingt vielleicht nicht immer sofort, aber du kannst lernen, deine Aufmerksamkeit bewusster zwischen deinen Gefühlen und anderen Lebensbereichen zu lenken.

Der sexuelle Austausch auf Grindr scheint dir viel zu geben: Du geniesst die Erregung, die gemeinsame Masturbation und die Komplimente zu deinem Penis. Gleichzeitig fühlst du dich nach dem Orgasmus manchmal unwohl und fragst dich, ob du die Bilder wirklich verschicken wolltest. Vielleicht lohnt es sich, neugierig zu erforschen, was dir diese Bestätigung gibt: Fühlst du dich dadurch begehrenswert, sicherer im Umgang mit deiner Homosexualität oder wohler mit deinem Körper? Wenn du besser erkennst, wonach du dich sehnst, kannst du weitere Wege entdecken, diese Bedürfnisse zu erfüllen.

Du könntest auch nach der Selbstbefriedigung einen Moment innehalten: Atme ruhig und spüre nach, welche Gefühle gerade da sind – etwa Zufriedenheit, Entspannung, Leere oder Scham. Nimm anschliessend deinen Körper wahr, von der Stirn bis zu den Zehen: Wo spürst du Anspannung, wo Entspannung? Was verändert sich, wenn du dich streckst, gähnst oder bewusst etwas Spannung loslässt? Beobachte, ob sich dadurch auch deine Gefühle oder Gedanken verändern, ohne sie gleich bewerten zu müssen.

Du musst nicht jede Gelegenheit nutzen und niemandem intime Bilder schicken, um als schwuler Mann dazuzugehören. Bevor du Bilder verschickst, kannst du dich fragen: Möchte ich das gerade wirklich? Fühle ich mich sicher? Wäre es für mich auch in Ordnung, wenn ich danach keine Komplimente oder weitere Aufmerksamkeit bekomme?

Deine Sorge, dass Bilder weitergeschickt werden könnten, ist nachvollziehbar. Auch ohne Gesicht lässt sich nicht vollständig ausschliessen, dass Aufnahmen gespeichert oder weitergegeben werden. Überlege dir deshalb gut, welches Risiko du eingehen möchtest. Du darfst jederzeit Nein sagen oder einen Kontakt beenden. Wenn dich jemand nach dem Orgasmus blockiert oder abwertende Bemerkungen über deinen Körper macht, kann das verletzend sein – es sagt aber nichts über deinen Wert als Mensch aus.

Gleichzeitig bemerkst du, dass dich Grindr manchmal bis spät in die Nacht beschäftigt und vom Lernen abhält. Vielleicht hilft es dir, bewusst Zeit für sexuelle Lust und Kontakte einzuplanen, statt die App spontan zu öffnen. An Lernabenden könntest du beispielsweise eine feste Uhrzeit festlegen, zu der du Grindr schliesst und dein Handy ausser Reichweite legst. Es geht nicht darum, deine Lust zu unterdrücken, sondern selbst entscheiden zu können, wann du ihr nachgehen möchtest. Auch deinen Penis zu berühren, weil es sich angenehm anfühlt, ist nichts, wofür du dich schämen musst. Entscheidend ist, ob du dich damit wohlfühlst und deinen Alltag so gestalten kannst, wie du es möchtest.

Was die Männer betrifft, die du an der Uni attraktiv findest: Du musst nicht gleich den Mut aufbringen, einen von ihnen um ein Date zu bitten. Vielleicht ist ein kleines Gespräch nach einer Vorlesung ein guter Anfang. Du musst dabei nicht sofort zeigen, dass du ihn attraktiv findest. Es geht zunächst darum, Erfahrungen im Kontakt mit Männern zu sammeln und herauszufinden, wie sich diese Begegnungen anfühlen. Vielleicht entsteht eine Freundschaft, vielleicht irgendwann mehr. Beides ist wertvoll.

Auch deine Wohnsituation musst du nicht sofort lösen. Wenn du dich wegen der dünnen Wände in deinem Zimmer nicht wohlfühlst, musst du dort niemanden zum Sex treffen. Lass dir Zeit, bis du eine Möglichkeit findest, bei der du dich sicher und ungestört fühlst. Lass dich auch nicht auf spontane sexuelle Begegnungen ein, nur weil andere Männer auf Grindr das erwarten.

Du schreibst, dass du dir manchmal wünschst, heterosexuell zu sein, weil das Leben deines Mitbewohners scheinbar unkomplizierter aussieht. Ich kann verstehen, dass du dir manchmal wünschst, weniger mit deiner Sexualität beschäftigt zu sein. Allerdings siehst du von deinem Mitbewohner nur einen kleinen Ausschnitt seines Lebens. Du weisst nicht, welche Gedanken oder Schwierigkeiten ihn beschäftigen. Auch du darfst eine Sexualität entwickeln, in der Lust, Zärtlichkeit, Nähe und Beziehungen ihren Platz haben. Dafür musst du dich nicht verändern oder jemand anderes werden.

Vielleicht kannst du zum Abschluss überlegen: Wenn du dir vorstellst, akzeptierend mit deiner Sexualität zurechtzukommen – was wäre in deinem Alltag konkret anders? Würdest du dich weniger unter Druck fühlen, dich stärker auf dein Studium konzentrieren oder mehr Nähe zu Männern zulassen können? Deine Antwort könnte dir helfen, herauszufinden, was du im Moment am meisten brauchst und wo du anfangen möchtest.

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