Hallo liebes Lilli Team,
ich habe das Gefühl, dass ich einfach eine sehr schlechte Tochter bin. Ich bin 16 Jahre alt und weiblich. Irgendwie geraten ich und meine Mama immer aneinandeinder und das war irgendwie schon immer so. Wir haben eigentlich ansonsten ein ganz gutes Verhältnis einfach weil meine Mama wirklich super lieb ist. Sie macht wirklich alles für mich und meine Schwester. Und trotzdem enttäusche ich sie irgendwie immer.
Ich merke wirklich selber, dass ich das Problem bin, krieg das aber einfach nicht in den Griff. Meinen Mama ermöglicht mit wirklich viel und mir fehlt es an absolut gar nichts. Und trotzdem mache ich ihr manchmal irgendwie indirekt Vorwürfe, z.B. weil die Eltern meiner Freundinnen mehr shoppen dürfen oder so. Ich bin halt manchmal neidisch, dass andere noch mehr Klamotten kaufen dürfen/können als ich, obwohl ich ja echt alles habe, was ich brauch. Und das lass ich dann an meiner Mama raus.
Ich weiß selber das das extrem undankbar ist und wenn ich dann zum Beispiel sauer war, dass ich etwas selber bezahlen muss, merke ich auch selber im Nachhinein wie dumm das von mir ist. Meine Mama macht wirklich eigentlich alles perfekt und dann finde ich immer doch irgendwas, weswegen wir uns dann streiten. Ich werde immer auch irgendwie voll aggressiv und das wegen Sachen, die eigentlich total lieb von meiner Mama gemeint sind. Ich werde zum Beispiel oft sauer, wenn sie mein Zimmer aufräumt während ich in der Schule bin (weil ich eigentlich nicht will dass sie in mein Zimmer geht) oder wenn sie mir mal mein Handy wegnimmt wenn ich wirklich (und das merke ich selber) zu lange dran bin.
Also wirklich wegen gutgemeinten Sachen werd ich dann sauer. Und dann mach ich halt auch ganz grundlegende Sachen falsch. Ich helfe wirklich zu wenig im Haushalt mit und hab an ihrem letzten Geburtstag auch vergessen gehabt, ihr was zu kaufen. Ich schäme mich auch selbst dafür. Ich hab halt des Gefühl ich bin selber unzufrieden mit mir selbst und lass das dann an meiner Mama raus. Ich hab ihr vorgeworfen, dass sie mir nicht genug zu hört weil sie vielleicht einmal gesagt hat, ich soll nicht alles überdramatisiseren.
Sie nimmt sich so viel Zeit für uns, kocht fast jeden Tag, fährt uns mit dem Auto hin wenn wir irgendwo hin müssen und ist eigentlich ja immer für uns da. Ich merk auch selber das ich total Glück habe mit meiner Mama, weil sie mir so viel erlaubt. Ich darf abends lange draußenbleiben, ich darf von der schule daheimbleiben, wenn ich mich psychisch bisschen fertig fühl etc. also Sachen die andere Mamas halt nicht erlauben. Und dann rasste ich immer bei jeder Kleinigkeit halb aus und mach sie damit wirklich traurig.
Sie hat im Streit schon mehrmals wegen mir geweint und sagt auch oft, dass sie sich sehr müde fühlt. Ich fühl mich so unfassbar schlecht und oft kann ich ja auch dankbar sein aber ich habe mir schon so oft vorgenommen, sie besser zu behandeln und kriege es einfach nicht hin.... Ich bin wirklich ratlos und mich macht es so fertig, weil ich wirklich so oft unnötig Streit anfange und mich danach direkt schrecklich fühle, weil ich sehe, wie sehr ich sie belaste. Könntet ihr mir vielleicht mit der Situation helfen?
Unsere Antwort
Deine Vermutung "Ich merke wirklich selber, dass ich das Problem bin" möchte ich hinterfragen. Deine Mutter bringt viele Jahre mehr Lebenserfahrung mit und trägt eine höhere Verantwortung für die Gestaltung eurer Beziehung. Es ist aber auf jeden Fall ein sehr liebevoller Schritt von dir, zu überlegen, wie du zu einer Lösung beitragen kannst.
Ich kann mir vorstellen, dass du ziemlich im Zwispalt bist. Einerseits ermöglicht dir deine Mutter sehr viel, andererseits scheint sie nicht auf das zu hören, was du dir konkret wünschst. Du möchtest zum Beispiel nicht, dass sie dein Zimmer aufräumt. Sie macht es trotzdem. Ich frage mich, wie deine Mutter mit ihren Grenzen umgeht. Tut sie mehr für euch, als ihr eigentlich selbst gut tut und erwartet als "Gegenleistung" eure Dankbarkeit? Das tut Beziehungen nicht gut. Gute Beziehungen profitieren von Klarheit. Auch Mutter-Tochter-Beziehungen.
Aus deinen Worten schwingt sehr viel Liebe für deine Mutter mit. Eine schlechte Tochter würde die Beziehung zu ihrer Mutter kaum mit so viel Dankbarkeit und Mitgefühl für die Situation der Mutter darstellen. Ich könnte mir vorstellen, dass sich deine Mutter sehr freuen würde, wenn sie diese Zeilen auch lesen könnte. Hast du ihr mal deine Gedanken so mitgeteilt, wie du es uns geschildert hast? Denn du hast die Situation sehr ehrlich analysiert und beschreibst beide Seiten: Du leidest, und auch deine Mutter.
Leider lässt man natürlicherweise Frust, Wut und Ärger am meisten an den Personen aus, denen man am nächsten ist. Weil: Nur wenn eine gewisse Vertrauensbasis vorhanden ist, getraut man sich, sich echt zu zeigen. Aus diesem Grund schreien wir auch keine Fremden auf der Strasse an, sondern heben uns starke Gefühle für Daheim auf. Hast du denn einen Frust, oder einen Ärger wegen etwas anderem im Leben? Stresst dich etwas Spezifisches? Freund*innen? Schule? Zukunftssorgen?
Streiten kann übrigens auch helfen, um deine eigene Meinung zu finden. Du beschreibst ja ab und zu, dass du "im Nachhinein" gemerkt hast, dass du falsch lagst. Grundsätzlich ist es ja absolut menschlich, mal die Kontrolle zu verlieren und etwas zu tun, oder zu sagen, was du danach bereust. Wichtig ist vor allem, was du mit dieser Erfahrung machst. Und du scheinst dir deiner Entgleisungen sehr bewusst zu sein. Wenn du dich danach für dein Verhalten entschuldigen kannst, ist das schon eine sehr reflektierte Haltung. Deshalb meine Frage: Wie habt ihr bisher die Konflikte aufgelöst? Hast du ihr danach gesagt, dass du gemerkt hast, dass deine Reaktion nicht ok war? Dass du siehst, dass sie ja aus Liebe zu dir handelt? Und im anderen Fall, dass dir sehr wichtig ist, dass sie respektiert, was du möchtest? Wenn es dir schwer fällt, dies mündlich mitzuteilen, wäre der schriftliche Weg eine gute Alternative. Das kann per Messenger sein, oder auch ein paar handgeschriebene Zeilen. Wichtig finde ich auf jeden Fall eine offene und ehrliche Kommunikation. Das heisst: Auch mal sagen können, wenn du im Nachhinein merkst, dass du falsch lagst.
Du schreibst zwar, dass das "schon immer irgendwie so" war. Könnte es auch sein, dass die Konfllikte zugenommen haben in den letzten Jahren? Denn die Pubertät bringt so einiges durcheinander und ist für alle Beteiligten nicht einfach: weder für die betroffene Person noch für das Umfeld. Sei daher nicht so streng mit dir selbst, wenn solche Situationen immer wieder neu entstehen: Konflikte mit den Eltern gehören ein wenig zum Ablöseprozess der Pubertät dazu. Auch deine Mutter hat diesen Prozess einmal durchlaufen. Vielleicht wäre es spannend, sie mal zu fragen, wie sie diese Zeit damals erlebt hatte? Hatte sie auch oft Streit? Wo und mit wem ist sie angeeckt? Solche Gespräche können euch wieder näher bringen.
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