Hallo Lilli,
ich wende mich mit der Bitte um einen Rat an euch. Ich leide an Vulvodynie und Geschlechtsverkehr ist nicht regelmäßig, und teilweise auch nur mit Einschränkungen möglich. Anfangs praktizierten mein Partner und ich noch "alternativen Sex", aber ich habe den Eindruck, sein Interesse danach ist fast ganz erloschen. Es scheint ihm nicht zu geben, was er braucht. Selbst wenn der aufnehmende GV klappt, scheint er nicht auf seine Kosten zu kommen.
Ich höre gerne die Podcasts des Paartherapeuten Christian Thiel und dieser ist der Meinung, wenn der Sex aufhöhrt oder schlechter als 5 auf einer Skala von 1-10 ist, dann ist die Beziehung eigentlich zum Scheitern verurteilt. Keine Nähe, keine Anziehung etc. Aber was kann ich tun? Seine Tipps kann ich nicht umsetzen, da es ja an der Vulvodynie liegt. Ich bin seit Jahren in Behandlung, und es ist nicht abzusehen, dass es schnell besser wird. Es wird nur ganz langsam besser.
Ich habe große Angst um meine Beziehung, wenn der Sex als wichtige Säule einer Beziehung nicht fungieren kann. Was ist dazu eure Meinung?
Außerdem sagt Christian Thiel, dass eine offene Beziehung so gut wie nie funktioniert. Denn bei regelmäßigem, gutem, also intimem Sex verlieben sich die Leute. Ich bin offen dafür, dass mein Freund zu einer Prostituierten ginge, oder wir gemeinsam in den Swinger-Club gehen. Ich wäre auch offen dafür, auf entsprechenden Plattformen ein anderes Pärchen für gemeinsamen Sex daheim zu finden. Aber ich möchte eigentlich nicht, dass er eine Affäre hat. Ich glaube, das liegt daran:
Bei funktionierenden offenen Beziehungen wird die offene Beziehungsform nicht gewählt, weil etwas "fehlt". Es ist alles ok in der Beziehung, aber es besteht Neugierde, Abenteuerlust oder Lust auf mal was Anderes. Hier liegt die Betonung: Was Anderes, gleich Gutes. Nicht etwas Besseres. In meinem Fall würde die Beziehungsform gewählt, weil etwas fehlt, weil die andere Frau etwas Besseres ist. Ich glaube nicht, dass das die Beziehung überleben würde. Aber ständigen Mangel überlebt sie auch nicht, und bis jetzt hat mein Freund kein Interesse an meinen Vorschlägen wie Swinger Club, etc. gezeigt. Wenn dann an einer anderen vertrauten Frau...
Obwohl unsere Beziehung sonst gut läuft, ist das ein Thema, über das kaum Kommunikation stattfindet, weil es so schwierig und aussichtslos scheint. Was kann ich tun, um mich aus der Zwickmühle zu befreien? Für eine Sexualtherapie fehlt mir das Geld.
Auch wird die Vulvodynie eher wieder schlechter, weil ich so wütend auf sie geworden bin, dass ich mir mit meinen Dilatoren und Therapien nicht mehr liebevoll hinwenden kann. Auch der Sex, der noch möglich war, wird schlechter, weil ich mich so unter Druck setze zu funktionieren. Da erkenne ich mich manchmal in Fragen von Männern mit Erektionsschwierigkeiten wieder, die sich genaue die gleichen Sorgen machen....
Vielen Dank!
Unsere Antwort
Du hast schon richtig erkannt, dass du dir sehr viel Druck machst.
Krankheiten können eine Herausforderung für eine Liebesbeziehung sein. Liebesbeziehungen können allerdings auch helfen, einen guten Umgang mit Krankheiten und schwierigen Umständen zu finden. Ich habe den Eindruck, dass du auf deine Beziehung gerade hauptsächlich mit der ersten "Brille" schaust. Doch du bist eine wertvolle Beziehungspartnerin auch mit Vulvodynie.
Du hast dir Podcasts angehört, die auf deine Lebenssituation nicht so recht passen. Du fühlst dich verunsichert statt gestärkt. Deshalb würde ich dir empfehlen, leg die Infos von dort mal zur Seite. Sie sind für dich nicht passend.
Weiß dein Partner, dass du dir so grosse Sorgen machst? Könntest du ihm davon erzählen, damit er eine Chance hat, dir Erleichterung zu verschaffen?
Du darfst Grenzen haben. Deine Krankheit sollte nicht dafür herhalten, dass du deine eigenen Grenzen missachtest. Denn das ist auch ganz wichtig für eure gute und stabile Beziehung, dass du dich gut und aufgehoben fühlst. Du musst nichts zulassen, was sich für dich nicht gut anfühlt. Es ist in Ordnung, das deinem Partner zuzumuten.
Um bei der Vulvodynie weiterzukommen, empfehle ich dir unseren Text dazu sowie die Website vulvodynie.ch. Dort kannst du die Geschichten von anderen Betroffenen erfahren und es gibt Empfehlungen für Podcasts zum Umgang mit Vulvodynie.
Es klingt für mich so, als würdest du rund um die Vulvodynie alles allein schultern. Ich fühle darüber großes Mitgefühl für dich. Du bist sehr engagiert im Bewältigen deiner Vulvodynie und gibst dir sehr große Mühe, deinen Partner trotzdem sexuell zufrieden zu stellen. Dir hier Druck rauszunehmen und mit größerem Mitgefühl nach dir zu schauen, halte ich für sehr wichtig.
Kannst du sehen, wie viel du bereits investierst? Ich wünsche dir, dass du Stolz darauf entwickelst, wie du trotz widriger Umstände dranbleibst. Und dass du dir die Frage stellst, was dein Partner dazu beitragen kann, dass es insgesamt leichter wird.
Du sagst, für eine Sexualtherapie fehlt dir das Geld. Was würdest du dort erreichen wollen?
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