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Frage Nr. 39870 von 11.06.2025

Ich wende mich mit einer Frage an dich zum Thema Mobbing. Ich habe gemischte Gefühle. Teilweise denke ich es war doch nicht so schlimm, da andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben und weiter leben. Ich denke auch, im Vergleich zu einer Vergewaltigung ist es nicht schlimm. Mir wurde damals immer gesagt die Klasse sei eine gute Klasse, wodurch ich das Gefühl hatte ich bin schuld. Ich habe zweimal Mobbing erlebt.
Es sind aber auch andere Gefühle und Erinnerungen da, die sich als überwältigend anfühlen. Es fühlt sich an, als wäre es das Schlimmste auf dieser Welt. Was ist das? Weshalb habe ich zweiseitge Gefühle?

Unsere Antwort

Du merkst, wie schwierig es ist, Mobbingerfahrungen zu bewältigen. Deine Gefühlsmischung ist eine sehr häufige Reaktion. Jedes Mobbingopfer wird solche gegensätzlichen Stimmungen und Gedanken mehr oder weniger stark erleben. Alles, was du fühlst ist also richtig.

Wenn du gemobbt wirst, fühlst du dich von deinem persönlichen Umfeld gedemütigt, entwertet, beschmutzt, ausgeschlossen und tief verletzt. Da ist es sehr verständlich, fast schon logisch, wenn du dich von der Ablehnung und dem Ausschluss überwältigt fühlst. Menschen sind auf die Beziehung zu anderen angewiesen. Wenn ihnen das Gefühl der Zughörigkeit verwehrt wird, kann sich das wie eine Bedrohung der Existenz anfühlen. Dies ist die eine Seite deiner gemischten Gefühle.

Nun versuchst du dich zu trösten. Du möchtest dir selbst deine Lage erträglich machen. «Das kann doch nicht so schlimm sein», denkst du. Dir fallen (scheinbar) schlimmere Gewaltformen ein, damit du selbst glaubst, dass Mobbing nicht so schlimm ist. Deine Mobbingschmerzen werden dadurch aber nicht weniger. Du wirst beobachten, wie du Anderen gegenüber misstrauisch bist und denkst: «Könnten das auch Mobber sein?». Du verhältst dich vorsichtig und zurückhaltend. Dabei würde dein Zughörigkeitsgefühl die Einladung und Ermunterung Anderer brauchen, damit es sich richtig ausbreiten kann. Und dann findet dein Lehrer noch, deine Klassenkolleg*innen seien völlig in Ordnung. Das ist falsch. Sie haben dich gemobbt. Wenn dich niemand unterstützt, ist es logisch, dass du denkst: «Dann kann es ja nur mir liegen. Ich bin einfach zu schwach. Ich habe bestimmt etwas Falsches getan; ich weiss nur nicht, was falsch war» etc.

Kannst du verstehen, dass alle deine Gefühle richtig und verstänldlich sind? Dein Selbstverständnis ist für die Bewältigung von schwierigen Erfahrungen nämlich sehr wichtig. Lass dich nicht irritieren. Du brauchst eine eindeutige Haltung. Dazu gehört, dass du nicht vergisst: 1. Du hast dich nicht schuldig gemacht! Nur die Mobber tragen die Verantwortung für ihr Mobbing. 2. Es ist/war so schlimm, wie du das fühlst! Wenn du dich verletzt fühlst, ist das deine Verletzung. Dein Schmerz tut dir weh. Ausser dir kann niemand deinen Schmerz beurteilen. 3. Nimm deine Gefühle ernst und hole dir Hilfe und unterstütze dich mit aller Kraft selbst.

Du könntest mit jemandem, dem du vertraust sprechen. Dazu gehören Freund*innen, Eltern, Lehrkräfte oder Beratungsstellen. Auch das Aufschreiben deiner Gefühle und Gedanken kann helfen, Klarheit zu bekommen. Vergiss niemals: Du bist wertvoll und hast ein Recht auf Respekt!

Wenn du merkst, dass du das nicht allein machen willst, könntest du dich an die/den Schulsozialarbeiter*in oder eine auf Mobbing spezialisierte Beratungsstelle / Opferhilfeberatungsstelle zu wenden. Auch eine Psychotherapie könnte nützlich sein. 

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