Liebes Lili-Team
Ich (30, weiblich) und mein Partner (29, männlich) treffen uns seit ca. 9 Monaten regelmässig und sind seit etwa fünf Monaten in einer monogamen Beziehung. Insgesamt führen wir eine sehr schöne und harmonische Beziehung und können uns über alles austauschen, nur das Thema Sex ist immer wieder schwierig. Zu Beginn unserer Beziehung war der Sex für mich sehr entspannt sowie zufriedenstellend und ich hatte das Gefühl, dass er dies auch so wahrnimmt. Mit der Zeit wurden unsere sexuellen Kontakte aber deutlich weniger und ich habe ihn darauf angesprochen.
Er hat mir mitgeteilt, dass er momentan eine tiefe Libido hat und dies im Zusammenhang mit Stress bei der Arbeit steht. Zudem habe er in der Vergangenheit ein grosse Unzufriedenheit in Bezug von seinen Partner:inner erlebt, was ihn sehr verunsichert habe. Für beides hatte ich Verständnis. Jedoch hat mich es mich verunsichert, dass er für mich kaum wahrnehmbares Interesse an Sex zeigt.
Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass es mir immer schwerer fällt mit ihm über Sex zu sprechen und ich bei sexuellem Kontakt häufig Angst habe, etwas zu tun, was ihm unangenehm sein könnte. Wir reden regelmässig über das Thema und habe auch vereinbart, dass wir mehr während/vor dem Sex über Lust/Bedürfnisse kommunizieren, was mir jedoch aufgrund der Verunsicherung schwer fällt. Ich weiss auch nicht, wie ich Lust bei meinem Partner auslösen soll.
Innerhalb der Gespräche, die wir zu diesem Thema geführt haben, hat mir mein Partner ebenfalls mitgeteilt, dass er einen "Kink" hat welchen er zum jetzigen Zeitpunkt nicht mit mir teilen will. Begründet hat er dies damit, dass er in der Vergangenheit negative Reaktionen erhalten habe und er zuerst die anderen "Problematiken" in Bezug auf unser Sexleben lösen wolle. Ich kann dies auf die eine Seite verstehen, gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass er mir gegenüber offen sein kann.
Insgesamt fühle ich mich verunsichert und überfordert und weiss nicht, wie ich mit der Situation umgehen soll. Ausserdem habe ich Angst, dass immer wieder darüber reden das Ganze nur noch schlimmer macht. Gleichzeigt habe ich ein starkes Bedürfnis dieses Thema mit meinem Partner zu besprechen.
Es geht für mich nicht primär darum, wie häufig und was für Sex wir haben. Vielmehr würde ich mir einen entspannteren und offeneren Austausch wünschen. Nur weiss ich nicht, was ich dafür tun kann.
Vielen Dank für eure Antwort!
Unsere Antwort
Es ist spürbar, wie wichtig dir die Beziehung zu deinem Partner ist – und wie sehr du dich um einen ehrlichen, achtsamen Umgang mit dem Thema Sexualität bemühst. Dass du dich gleichzeitig verunsichert fühlst, ist sehr nachvollziehbar. Gerade wenn Sexualität zunehmend mit Unsicherheiten verbunden ist, entstehen oft Spannungen – in der Sexualität zu zweit aber auch im Reden darüber.
Du schreibst, dass du dich oft fragst, wie du dich „richtig“ verhalten kannst, ohne etwas falsch zu machen oder Druck auszuüben. Diese Sorge zeigt, wie sehr du auf das Wohlbefinden deines Partners achtest. Doch genau dieser Wunsch, alles richtig zu machen, vermute ich, kann bei dir (und auch bei ihm) inneren Druck erzeugen. Dein Bedürfnis nach mehr Leichtigkeit und Offenheit ist deshalb absolut berechtigt. Wie du selber schreibst, geht es dir gar nicht um eine bestimmte Häufigkeit oder Art von Sex, sondern vielmehr darum, euch auf einer intimen Ebene sicher und verbunden zu fühlen.
Vielleicht hilft dir der Gedanke, dass es beim Thema Sexualität nicht unbedingt um „Lösungen“ gehen muss. Viel mehr zählt, wie ihr gemeinsam mit den Unsicherheiten umgeht. Manchmal ist es entlastend, genau das auszusprechen: Dass du nicht weißt, wie du Lust bei ihm auslösen kannst. Dass du Angst hast, das Thema zu oft anzusprechen. Dass du dich vielleicht sogar ein bisschen allein fühlst mit deinen Gedanken. Solche Aussagen können Nähe schaffen, ohne Druck auszuüben.
Manchmal hilft es, solche Gespräche außerhalb sexueller Situationen zu führen, zum Beispiel bei einem Spaziergang oder beim Zusammensitzen mit einem Kaffee – in einem Moment, in dem Sexualität nicht unmittelbar bevorsteht. So kann es leichter sein, Wünsche, Bedürfnisse, Unsicherheiten oder auch Grenzen anzusprechen. Lies dazu gerne diesen Text.
Du schreibst, dass dein Partner aktuell wenig Libido verspürt und in der Vergangenheit negative Erfahrungen mit Ablehnung gemacht hat. Kink wird in unserer Gesellschaft noch oft stigmatisiert. Es ist verständlich, dass er sich in Bezug auf seinen Kink zunächst (noch) nicht öffnen möchte. Gleichzeitig ist auch dein Wunsch nach Offenheit und Vertrauen sehr nachvollziehbar. Vielleicht kannst du ihm behutsam zeigen, dass du grundsätzlich offen bist – auch für das, was du (noch) nicht verstehst oder du vielleicht noch nicht kennst.
Und falls euch das Thema belastet, könntet ihr auch Unterstützung von außen in Betracht ziehen, etwa durch Sexual- oder Paarberatung. Es kann sehr entlastend sein, das nicht alles nur zu zweit stemmen zu müssen.
Was du dir wünschst – mehr Sicherheit, gegenseitiges Verständnis, entspannte Sexualität – ist absolut legitim. Vielleicht helfen kleine Schritte: Berührungen ohne Ziel, Gespräche jenseits akuter Frustmomente im Bett, gemeinsame Rituale oder auch die Erlaubnis, gemeinsam nicht alles sofort „lösen“ zu müssen. Du darfst dich nach Nähe, Offenheit und Verbindung sehnen – das ist kein ungerechtfertigter Anspruch, sondern Ausdruck von Bindung.
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