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Frage Nr. 40060 von 19.07.2025

Hallo liebes Team,

ich bin M26 und seit [wenigen] Monaten mit meiner Freundin (W23) zusammen und etwas überfordert. Ich bin mit ihr in meiner ersten Beziehung, [...]
Ich versuche mich kurz zu halten und werde teilweise Themenbereiche nur oberflächlich anreißen. Ansonsten könnte das hier zu einem Roman werden (was es wahrscheinlich ohnehin schon wird).

Ein wenig Vorwissen zu ihr:
Sie kommt aus einem schwierigen Elternhaus, wohnt allerdings nach wie vor zu Hause. Der Erziehungsstil ihrer Eltern (vorrangig vonseiten ihrer Mutter) sieht und sah folgendermaßen aus: Sie hat ihr Versprechen aufgedrückt, die sie einzuhalten hatte. Wurden diese gebrochen oder wenn sie generell nicht das getan hat, was ihre Eltern wollten, wird oder wurde sie für mehrere Tage ignoriert, ihr die Liebe entzogen, etc.
Heute sieht es so aus, dass ihre Mutter sie nicht loslassen kann und sehr eifersüchtig ist, dass wir Zeit miteinander verbringen.
[...]
Beim Thema Sex war es meiner Freundin immer wichtig, ihr erstes Mal mit „dem Richtigen“ zu haben und auch nur mit einem einzigen Mann zu schlafen.

Nun zu den eigentlichen Themen, die mich belasten…
[Sie] erzählte mir, ihr Ex-Freund habe sie über ein Jahr hinweg mehrfach vergewaltigt.
Das war für mich natürlich ein Schock und ich musste ihr erst einmal klar machen, dass sie dafür keine Verantwortung hat, und habe versucht, sie etwas aufzubauen.
In Therapie war sie nie und hat auch mit niemandem darüber geredet, außer mit einer Internetbekanntschaft (die das Ganze wohl eher schlimmer als besser gemacht hat).
Daraufhin begann sie immer wieder, Details mit mir zu teilen, wobei sich allerdings Widersprüche in ihren Erzählungen auftaten.
Da mich diese Widersprüche stutzig machten, hakte ich dann auch selbst immer wieder nach.
Generell hatte ich nie das Gefühl, dass sie 100% ehrlich zu sich selbst noch zu mir ist, was diese [...] Beziehung anging.

Durch die vielen Gespräche, die wir darüber hatten, konnte ich mir eine Version ableiten, die sie mir schlussendlich so bestätigt hat (es gäbe wohl immer noch Abweichungen, aber sie hat sie bisher nicht mit mir geteilt oder teilen wollen):

Sie wurde nie vergewaltigt.
[...]
So kam es dann dazu, dass sie manchmal nach ein paar Stunden aus schlechtem Gewissen mit ihm geschlafen hat.
Generell meinte sie wohl, sie habe sich benutzt gefühlt, auch da es weder ein Vorspiel o.ä. gab noch auf ihre Bedürfnisse eingegangen wurde.
Er hat also mit ihr geschlafen, und wenn er gekommen ist, war die Sache dann zu Ende.
Dennoch hat sie sich gerne mit ihm getroffen und erst bei den letzten paar Treffen keine Lust mehr gehabt, ihn zu sehen.

Ergänzend hierzu: Sie hat nie gesagt, was sie möchte und wie sie sich wohlfühlt, sondern einfach „mit sich machen lassen“. Sie hat auch nie kommuniziert, wenn sie etwas nicht wollte. Wenn sie dann doch einmal etwas gesagt hat, was sie nicht mag, war das wohl nie wieder ein Thema.
[...]

[...]
Vor ein paar Wochen hat sich meine Freundin dann bei mir entschuldigt.
Es sei sehr egoistisch gewesen, mir zu sagen, sie sei vergewaltigt worden.
Sie habe sich das über all die Jahre (fünf um genau zu sein) eingeredet, um sich nicht einzugestehen, dass sie ihr erstes Mal „mit dem Falschen“ hatte. Zudem hatte sie massive Angst, dass sie einmal jemand mag und dieser sie dann ablehnt, weil sie nicht mehr „unschuldig“ war.

Mein Problem mit der ganzen Sache ist Folgendes: Mittlerweile hat sie mir so viele Varianten erzählt (sowohl ganz negativ als auch nicht negativ), dass ich nicht mehr weiß, was genau ich ihr glauben kann. Auch weil nach wie vor Dinge nicht zusammenpassen.
Ich habe das Gefühl, dass sie die ganze Beziehung viel negativer darstellt, als sie tatsächlich war. Auch weil die Mutter ihr (wahrscheinlich) vieles eingeredet hat, was den Ex-Freund angeht.
Und ich habe das Gefühl, dass sie ihn sehr gemocht hat und sich das jetzt nicht eingestehen möchte, weil sie ihm „das erste Mal“ geschenkt hat und die Beziehung am Ende in die Brüche gegangen ist.
Dass er sauer oder beleidigt etc. war, wenn sie nicht mit ihm schlafen wollte, ist natürlich dennoch nicht in Ordnung.
Von dem, was sie aber sonst erzählt hat, hat er sie wirklich sehr geliebt und wollte ihr nie etwas Böses. Sie haben halt nicht miteinander geredet und sie hat nie Grenzen gesetzt.
Das will sie aber nicht wahrhaben und wirft ihm vor, er habe sie manipuliert und ausgenutzt.

Dadurch, dass sie die Sachen anfangs so schrecklich erzählt hat, habe ich seit Monaten Schlafprobleme und ich sehe eigentlich ständig von meinem inneren Auge, wie die beiden miteinander schlafen.
Anfangs waren es noch sehr gewaltvolle Szenen (im Sinne einer Vergewaltigung), mittlerweile sehe ich nur noch, wie sie „normal“ miteinander schlafen und er dann in ihr kommt. Manchmal sehe ich, wie sie während des GV anfängt zu weinen und er dann aufhört.

Zudem übt ihre Mutter wieder Druck auf sie aus. Sie hat mittlerweile Angst davor, zu sagen, dass sie sich mit mir treffen möchte.
Häufig, wenn wir uns sehen, weint sie wegen des emotionalen Drucks, den ihre Mutter auf sie ausübt, oder redet sich ein, sie sei ein schlechter Mensch und falle allen zur Last. Letzteres vermutlich auch, weil sie gelegentlich mitbekommt, dass es mir nicht so wirklich gut geht wegen allem.
[...]

Mich belastet die ganze Situation sehr und ich weiß langsam nicht mehr, wie ich mir oder ihr helfen kann.
Und ich merke, dass ich mittlerweile etwas unglücklich und erschöpft bin.
Ich habe mir meine erste Beziehung etwas anders vorgestellt…
Ich mag sie aber wirklich sehr gerne und möchte weiter mit ihr zusammen sein.
Habt ihr mir vllt. ein paar Ratschläge, wie man am besten weitermachen kann?

Vielen Dank für eure Antwort und eure Zeit.
Liebe Grüße

Unsere Antwort

Wir haben deine Anfrage gekürzt, um deine Anonymität sicher zu stellen.

Ich kann sehr gut verstehen, dass du deine Beziehungserfahrung als schwierig und überfordernd beschreibst. Die Mutter und die Ex-Partner-Geschichte nehmen sehr viel Platz ein. Sie weint viel, teilt Details mit dir, du verwendest viel Energie darauf, die Geschichte zu verstehen... Wo bleibt da Zeit für euch beide im Hier und Jetzt und dafür, euch eine Zukunft miteinander aufzubauen? 

Deine Freundin hat heftige emotionale Gewalt erlebt in ihrer Kindheit und erlebt das heute auch noch. Du pflegst einen sehr zugewandten Umgang mit deiner Freundin und machst dir viele Gedanken um ihre Erlebnisse und ihren Umgang damit. Dich belastet das mittlerweile auch.

Es ist hohe Kunst, in solchen Fällen Grenzen zu setzen, und dem eigenen Wohlergehen Priorität einzuräumen.

So wie du es beschreibst, hast du erkannt, dass deine Freundin große Schwierigkeiten damit hat, Grenzen zu setzen. Und du erkennst, wie schwierig Beziehungen werden können, wenn wichtige Grenzen nicht gesetzt werden. Und genau diese Erkenntnis finde ich für dich sehr wichtig.

Das, was ich schreibe, klingt vielleicht erstmal für dich wie das Gegenteil von liebevoll. Aber du merkst selbst, dass du am Rande deiner Kapazität angelangt bist. Sei ehrlich mit dir, wie viel von ihren Geschichten du dir anhören kannst. Ganz entscheidend für eure gemeinsame Zukunft ist, dass du Grenzen setzt.

Deine Freundin hat schlimmes erlebt und erlebt das heute auch noch. Dennoch braucht sie einen Beziehungspartner, der ihr aufzeigt, wo ihre Verantwortung liegt. Wenn sie eine langfristige liebevolle Beziehung mit dir führen will, tut sie gut daran, sich um ihre Themen zu kümmern. Ich halte es für eine gute Idee, dass du sie daran teilhaben lässt, wie sehr dich die bisherigen Themen belasten und dass du etwas anderes von ihr brauchst, um in dieser Beziehung glücklich zu sein. Es wäre in Ordnung zu sagen: Du möchtest die Beziehung zu ihr frei von solchen schweren Themen halten.

Deine Freundin ist seit 5 Jahren volljährig. Sie muss ihrer Mutter nichts davon erzählen, wohin sie geht und mit wem sie sich trifft. Es braucht ihrerseits die Bereitschaft, sich von der Kontrolle ihrer Mutter zu lösen. Sieht deine Freundin die Dynamiken in ihrer Familie auch? Oder siehst du das und sie verneint das? Meine klare Empfehlung ist, dass sie sich dazu Unterstützung von Fachpersonen holt.

Es ist dir hoch anzurechnen, dass du ihr beistehen möchtest. Dennoch ist es für dein Wohlergehen unglaublich wichtig, dass du deine Partnerin als erwachsene Frau anerkennst, die ihren Anteil zu eurer Beziehung beiträgt. Du bist nicht ihr Retter.

Es ist wirklich eine sehr herausfordernde Situation, in der du dich befindest. Es wäre eine gute Idee, dazu gemeinsam eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Eine Beziehungs- und Familienberatung wäre das richtige. Die Fragestellung, die ihr bearbeitet ist: "Wie könnt ihr die Beziehung bestreiten trotz dieses Rucksacks, den sie mitschleppt?" Je früher ihr euch diese Unterstützung holt, umso besser. Viele Paare holen sich zu spät Hilfe.

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