Hallo liebes Liilth Team,
ich habe mich schon mal an euch gewandt (#40142) und mir ging es eigentlich sehr lange besser, nur habe ich leider gerade einen Rückschritt gehabt. Ich bin 25, hatte noch so gut wie keine sexuellen Erfahrungen und dachte eigentlich, dass ich schwul bin. Vor zwei Jahren habe ich angefangen mich zu outen und habe mich in meiner Identität und sexuellen Orientierung sehr wohl gefühlt bis jetzt.
Hier meine zwei Fragen:
1) Ich bin sehr verzweifelt darüber, wie ich es schaffe, sexuelle Erfahrungen zu sammeln, da ich bei Dates in Situationen im Schlafzimmer davonlaufe. Ich bin zu sehr angespannt und mache mir Druck endlich Erfahrungen zu haben, gleichzeitig habe ich das ehre aus einem Pflichtgefühl und verliere immer mehr die Lust, überhaupt Sex mit einer anderen Person zu haben. Bin ich vielleicht asexuell?
2) Meine Gedankenkreise belasten mich gerade sehr. Ich stelle Frauen oft auf ein Podest und habe früher sehr lange gedacht, dass ich nur schwul geworden bin, weil ich keine Frau abbekommen habe und auch nie eine Chance bei einer hätte. Das war früher noch viel stärker aber hatte ich eigentlich überwunden. Schwul zu sein war dann deswegen, wie eine Art Erleichterung, weil ich es dann auch nicht mehr probieren muss Frauen zu daten. Gleichzeitig fällt es mir zumindest auf freundschaftlicher Ebene immer leicht mit Frauen zu flirten und ins Gespräch zu kommen. Schon immer hatte ich aber, wenn ich eine neue Freundin freundschaftlich kennengelernt habe, dass ich wie „verliebt“ in sie war. Ich will ihre Aufmerksamkeit, von ihr gemocht werden und würde auch am liebsten mit ihr kuscheln. Nach ein, zwei Monaten lassen diese Gefühle wieder nach und sie wird dann einfach eine normale Freundin für mich. Ich muss auch reflektiert zugeben, dass das kein „Verliebtsein“ auf Augenhöhe ist, sondern ich mich, wie bei einer Projektion, dann oft ein bisschen minderwertig fühle und unterordne.
Diese Gefühle hatte ich aber beim Dating mit Männern fast noch nie und ich meine irgendwie, dass ich mit solchen Gefühlen bei Männern dann auch Lust auf Sex hätte. Gleichzeitig habe ich aber eigentlich 0,0 sexuelle Fantasien mit Frauen und denke beim Masturbieren nur an Männer. Mir geht es so schlecht damit, warum romantisches Interesse und sexuelle Anziehung bei mir so vertauscht sind. Das hatte ich doch eigentlich überwunden und mir ging es die letzten eineinhalb Jahre so gut als geouteter Schwuler. Woher kommt diese Verwirrung? Bin ich jetzt doch nicht mehr schwul? Wie kann ich diesen Knoten lösen?
Vielen Dank.
Unsere Antwort
Druck blockiert Lust. Sexualität entsteht aus Sicherheit, nicht aus Erwartungsdruck. Wenn Sex sich wie ein Test oder eine Pflicht anfühlt, ist es normal, dass dein Körper dichtmacht und mit Rückzug reagiert. Das ist ein Schutzmechanismus gegen Überforderung, nicht Asexualität.
Deine Schwierigkeiten treten in realen Situationen mit anderen Menschen auf, nicht in deiner Solo-Sexualität. Das deutet auf Leistungsdruck, fehlende Sicherheit, hohe Erwartungen oder verinnerlichte Scham hin. Da du beim Masturbieren Fantasien über Männer hast und sexuelle Anziehung zu Männern spürst, spricht das gegen Asexualität.
Du beschreibst, dass du Frauen idealisierst, dich ihnen unterlegen fühlst und dich nach ihrer Aufmerksamkeit sehnst, aber keine sexuelle Anziehung empfindest. Das wirkt weniger wie romantische Liebe und mehr wie das Bedürfnis nach Geborgenheit, Bestätigung und emotionaler Identifikation. Dass diese Gefühle schnell abflauen, sobald eine Beziehung stabiler wird, passt dazu. Das hängt oft mit frühen Prägungen und Geschlechterrollen zusammen.
Bei Männern hast du weniger Idealisierung und mehr Augenhöhe. Deine sexuellen Fantasien richten sich an Männer, und Lust entsteht eher, wenn keine Projektion im Spiel ist. Das spricht stark für eine schwule sexuelle Orientierung, während Romantik und Bindungsmuster bei dir anders organisiert sind als Sexualität.
Die aktuelle Verwirrung taucht wahrscheinlich auf, weil du unter Stress stehst, einen Rückschritt erlebt hast oder alte Unsicherheiten wiederkommen. Der Wunsch, „endlich weiterzukommen“, Perfektionismus oder Selbstvergleich können diese Dynamik verstärken. Du bist gerade an einer Schwelle zu mehr Intimität und Nähe – genau dort zeigen sich oft alte Muster.
Hier hilft vor allem Selbstmitgefühl und weniger Druck. Solange Sex ein „Pflichtprojekt“ bleibt, blockiert dein Körper. Erlaube dir Zeit. Viele profitieren von Kuscheln, Knutschen und Nähe ohne Erwartung, ohne „weitergehen müssen“. Du kannst Dates offen sagen: „Ich brauche es langsam.“ Die meisten verstehen das.
Lerne außerdem, emotionale Projektion von echten Gefühlen zu unterscheiden: „Will ich diese Person – oder will ich die Aufmerksamkeit?“
Knüpfe Kontakte in der queeren Community, rede mit anderen schwulen Männern über ähnliche Erfahrungen und geh auf Dates ohne Sexziel.
Um deinen Selbstwert innerhalb deiner Identität weiter zu stärken und an Themen wie Sexualität, Nähe, Bindung, Scham oder Erwartungen zu arbeiten, kann eine Therapie mit LGBTQ+-Kompetenz hilfreich sein.
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