Liebes Lilli Team,
ich habe mich in schon mal Frage Nr. 40470 von 30.11.2025 euch gewandt, aber es wird nicht besser. Ich weiß, dass ich sexuell mich eigentlich nur von Männern angezogen fühle, aber habe romantische Gefühle nur zu Frauen. Ich war seit der Nachricht an euch bei einer queeren Beratungsstelle und versuche mit Freunden darüber zu reden, aber komme irgendwie nicht weiter. Deshalb habe ich vier Fragen:
1) Wie in meiner letzten Nachricht schon beschrieben, habe ich den starken Glaubenssatz verinnerlicht, dass ich nur schwul geworden bin, weil ich keine Frau abbekommen habe und auch nicht dazu in der Lage bin eine Frau zu verführen. In meiner Jugend gehört, dass stark zu dem Männlichkeitsbild dazu, dass man erst ein echter Mann ist, wenn man Erfolg bei Frauen hat. Mein Outing mit 22 ist mir deshalb sehr schwer gefallen. Ich habe seitdem große Fortschritte gemacht habe, trage gerne Nagellack und fühle mich als Teil der queeren Community. Auch wenn ich aber schon bei so vielen Dates und Orten mit Männern war, bin ich mit 26 immer noch Jungfrau. Ich habe ständig den Gedanken, erst sexuelle Erfahrungen mit einer Frau zu haben, um „frei“ zu sein. Ausserdem empfinde ich es als so unfair, dass andere sich mit beidn Geschlechtern ausprobieren konnten und ich nicht. Sollte ich diesen Gedanken nachgehen? Falls nicht, wie schaffe ich es endlich loszulassen? Wenn es mir gut geht, habe ich sie nicht. Aber der Druck endlich Sex zu haben und meine etwas verpasst zu haben, kommt irgendwann immer zurück. (Ich weiß, dass diese Gedanken in der Dramatik nicht stimmen, habe sie aber trotzdem).
2) Auch wenn Selbstbefriedigung zu meinem Leben gehört und ich auch Lust auf Sex habe, fühle ich mich irgendwie gar nicht bereit dazu und weiß nicht, wie sich das ändern kann. Tatsächlich schäme ich mich sehr durch die Serie „Heated Rivalry“, die in meinem Umfeld viel gesehen wird. Vor allem vor Frauen schäme ich mich, weil ich noch nie Sex hatte und meine, dass von mir erwartet wird, auch so wie in der Serie Sex haben zu müssen. Gleichzeitig schäme ich mich eher vor Männer, dass in der Öffentlichkeit jetzt so viel über schwulen Sex gesprochen wird und dabei fühle ich mich ertappt und unmännlich. Mir wäre es lieber heterosexuelle Menschen wüssten gar nichts über schwulen Sex. Was kann ich gegen die Scham tun? Eigentlich sollte man sich ja nicht für seine Sexualität schämen.
3) Ich könnte damit sogar gerade damit leben noch keine Sex gehabt zu haben, weil ich ein sehr erfüllendes aber zeitintensives Studium habe. Allerdings belastet mich mein Muster mit Frauen sehr, weil es sich andauernd wiederhole. Ich habe fast jedes Jahr immer eine Freundin, die ich immer anhimmle und auf ein Podest stelle. Zu Beginn meine ich sogar sie kurz sexuell attraktiv zu finden, aber das lässt nach einer Zeit nach. Trotzdem bleibt die emotionale Zuneigung so groß, dass sie mich extrem Kraft kostet.
Aktuell habe ich das wieder mit einer Freundin. Ich spüre immer den Druck ihr etwas bieten zu müssen und habe Angst, dass ich zu viel bin und ihr zu viel Energie raube. Gleichzeit gibt sie mir so viel und wir haben eine gute Freundschaft, aber ich weiß, dass ich ihr das nicht in der gleich Form zurückgeben kann. Ich habe starke Sehnsucht nach ihr, wenn sie nicht da ist und wenn wie Kontakt haben, fühle ich mich gestresst den zuhalten. Ich weiß auch, dass ich sie deutlich mehr brauche als sie mich, da ich außer ihr kaum tiefe Freundschaften habe. Irgendwie glaube ich bei Frauen immer, dass sie mich gar nicht so richtig mögen können und ich immer nur eine 2- Freundschaft bin und nie der beste Freund im Inner Circle sein kann. So glaube ich auch mit anderen Freunden und mit ihr konkurrieren zu müssen, weil ich sonst ersetzt werde. Ich fühle mich so als wäre ich unglaublich in sie verliebt und muss ständig an sie denken. Gleichzeitig habe ich kein körperliches oder sexuelles Interesse an ihr. Sie wird leider im Herbst wegziehen, deswegen fühlt es sich mein Muster mit Frauen an wie ein Teufelskreislauf. Ich weiß auch nicht, was hier Projektion ist oder was echt. Was kann ich machen, um mit solchen normalen Freundinnen normal befreundet zu sein?
4) Durch dieses Muster glaube ich romantisch „blind“ für Männer zu sein und habe sogar Probleme andere Männer auch nur in Gesprächen interessant zu finden. Was kann ich machen, um solche Gefühle für Männer zu entwickeln? Deswegen kommt bei mir auch immer der Gedanke, dass ich doch meine Sexualität doch viel besser zu Frauen passen würde.
Vielen Dank für eure Arbeit. Ich spende an euch gerne.
Unsere Antwort
Danke für dein Vertrauen – in deiner Schilderung steckt sehr viel Reflexion. Es ist deutlich wie ernsthaft du dich mit dir auseinandersetzt. Zu Deiner Idee, Sex mit einer Frau zu haben, um frei zu sein: Sexualität ist kein Beweis, sondern ein Lern- und Entwicklungsprozess.
Du hast Gedanken und Glaubenssätze wie „Ich bin nur ein richtiger Mann, wenn ich Erfolg bei Frauen habe“ oder fühlst dich „nicht genug Mann“, wenn du diesem Ideal nicht entsprichst. Idealisierte Männlichkeitsbilder können das eigene Gefühl erzeugen, nicht zu genügen. Deshalb kommt dir der Gedanke, das einmal machen zu müssen, um frei zu sein. Dieser Gedanke ist jedoch kein echtes sexuelles Bedürfnis – sondern ein Versuch, deinen inneren Konflikt zu lösen.
Aus therapeutischer Sicht würdest du damit aber wahrscheinlich kein Problem lösen, sondern eher den Druck erhöhen und dich weiter von deinem echten Begehren entfernen. Deine Sexualität entsteht durch Lernen, Erfahrung und Zeit – nicht durch einmalige „Korrekturhandlungen“.
Zu deinen Schamgefühlen (gegenüber Frauen und Männern): Einige Männer denken, wenn ich nicht performe, bin ich weniger Mann. Das erzeugt Scham („Ich bin nicht weit genug“), Vergleich („Andere sind weiter“) und Selbstabwertung. Ideale und Bewertungen beeinflussen das sexuelle Erleben massiv. Scham entsteht nicht aus deiner Sexualität – sondern aus den Bewertungen darüber. Scham reduziert sich nicht nur durch Denken, sondern durch positive Körpererfahrungen, z. B. Selbstbefriedigung ohne Druck – dazu könntest du vielleicht eine Sexualtherapie nutzen.
Dein Muster im Kontakt mit Frauen (die starke Verliebtheit ohne sexuelles Interesse) ist ein spannender Punkt. Sexualität besteht aus verschiedenen Komponenten, die unabhängig sein können: das Liebesgefühl (emotionale Bindung), das sexuelle Begehren und die Anziehung. Das bedeutet, du kannst stark verliebt sein ohne sexuelles Begehren und sexuelles Begehren ohne romantische Gefühle haben. Das ist genau das, was du beschreibst.
Bei Verunsicherung werden andere Personen idealisiert oder als „Rettung“ erlebt. Das erklärt auch die Angst ersetzt zu werden, Konkurrenzgefühle oder emotionale Überforderung. Was hilft hier? Entlaste Eure Beziehung und richte weniger Fokus auf diese eine Person; baue mehr andere/weitere Kontakte auf. Mach eine Realitätscheck: Sie ist nicht „die eine“, sondern ein Mensch mit Grenzen. Anziehungsgefühle entwickeln sich durch Erfahrung, Fantasie, Lernen und die sind nicht vollständig steuerbar, aber entwickelbar.
Warum fühlst du romantisch wenig für Männer? Möglicherweise aufgrund wenig positiver Beziehungserfahrungen mit Männern oder weil du deinen Fokus bisher auf Sexualität statt emotionaler Verbindung legst und gleichzeitig bei Frauen emotional stark investierst.
Versuche deinen Fokus zu verschieben. Nicht: „Muss ich mich verlieben?“, sondern: „Kann ich neugierig werden?“. In Gesprächen, über Nähe und gemeinsame Aktivitäten ohne sofortige Bewertung. Vertiefe deine Freundschaften mit Männern, denn Begehren entsteht durch Erfahrungsräume, nicht durch Zwang. Du hast starke innere Ideale, Unsicherheiten im Gefühl von Männlichkeit und wenig integrierte Beziehungserfahrungen. Daher orientiere dich lieber daran, was sich für dich gerade „stimmig“ anfühlen würde – nicht „richtig“.
Sollten dich deine bisher besprochenen Gedanken weiterhin so intensiv beschäftigen und dein konkretes sexuelles Handeln eher blockieren, könntest du auch über eine Psychotherapie nachdenken. Zum Beispiel indem du in einer Verhaltenstherapie sehr konsequent an Zielen und mit Verhaltenserprobungen arbeitest, die du wöchentlich sehr detailliert im Therapierahmen auswerten und weiterentwickeln kannst.
Schau dir mehr Antworten und Infotexte an zum Thema