Hallo liebes Lilli-Team,
mich (w27) treibt seit langer Zeit, eigentlich seit ich 18 bin, etwas um. Es geht im Folgenden um heteronormative Sexualität und Beziehungen. Die Gesellschaft ist in den letzten Jahrzehnten immer offener geworden, was das Wissen um sowie das Darstellen und das Ausleben von weiblicher Sexualität angeht.
Dennoch habe ich den Eindruck, dass wenn eine Frau ihre Sexualität ohne feste Beziehung offen auslebt und das offen in ihrem (beruflichen oder privaten Umfeld) bekannt wird, sie befürchten muss, sehr schnell als „Flittchen“ oder „leicht zu haben“ dazustehen. Die Gesellschaft straft sie also dafür ab, dass sie ihre Sexualität auslebt. Umgekehrt gewinnen in den Augen der Gesellschaft Männer an Ansehen und Status, wenn sie viele Frauen „klarmachen“. Wenn sie das nicht wollen oder schaffen, wird ihnen hingegen unterstellt, etwas sei mit ihnen nicht in Ordnung. Ihnen wird also indirekt Druck gemacht, ihre Sexualität – auch ohne feste Beziehung – auszuleben. Diese Wertungen finde ich per se schon mal sehr ungerecht.
Dann ist es aber so, dass ich oft weiterdenke, was diese Ungerechtigkeit im sexuellen Beziehungsleben von Männern und Frauen für Konsequenzen hat. So wie ich das sehe, müsste das dazu führen, dass Männer im Durchschnitt in ihrem Leben viel mehr sexuelle Erfahrungen machen und viele wechselnde Sexualpartnerinnen haben. Frauen hingegen dürften im Schnitt weniger sexuelle Erfahrungen machen und weniger wechselnde Sexualpartner haben.
Ich folgere aus diesen Überlegungen, dass es doch dann bei einem „durchschnittlichen“ Paar immer so sein müsste, dass der Mann der Frau „sexuell überlegen“ ist, weil er mehr Erfahrung und mehr Partnerinnen hatte (vorausgesetzt es ist für beide nicht das erste Mal).
An dieser Stelle beziehe ich auch mich selbst in diese Überlegungen ein: ich bin aktuell single, aber wenn ich jetzt mit einem Mann zusammenkäme, hätte ich Angst davor zu erfahren, wie viel mehr Erfahrung er im Vergleich zu mir hat. Ich bin bisher in meinem Leben „nur“ mit 3 Männern intim geworden. Es würde mich aber schockieren zu erfahren, wenn mein Partner mit 30 Frauen oder mehr geschlafen hätte (oder alternativ: er hatte eine oder mehrere langjährige Beziehungen, während ich in meinem Leben nur 2 Jahre lang in einer Beziehung gelebt habe). Nicht weil ich es per se schlecht finden würde, sondern weil ich mir neben ihm unerfahren und klein vorkommen würde. Ich befürchte ein Machtungleichgewicht, weil er dann sexuell viel selbstbewusster und souveräner ist als ich. Er kann dann bestimmt seine sexuellen Wünsche viel besser durchsetzen. Zudem hat er wahrscheinlich eine hohe Erwartungshaltung an meine sexuelle „Performance“, weil mit seiner Ex-Freundin oder Frau XYZ dies oder jenes ging (z.B. Deep Throat oder Analsex oder was auch immer).
Ich bin grundsätzlich sehr aufgeschlossen, was Sex angeht (habe auch schon eure genialen Tipps zum Solosex und sexuellen Lernen ausprobiert), aber wenn ich jetzt – nach einigen Jahren ohne Sex mit einer anderen Person – jemanden treffen würde, wäre eben die Angst da, beim Sex unterzugehen oder den Erwartungen nicht gerecht zu werden. Ich müsste mich an partnerschaftliche Sexualität erst wieder rantasten.
Jetzt könnte man an der Stelle natürlich einwenden: „Wo ist dein Problem, wenn du meinst zu wenig Erfahrung zu haben, dann geh doch los und lass dich flachlegen.“ Aus mehreren Gründen habe ich aber auch davor Angst: zum einen vor der negativen Bewertung, wenn es in meinem Umfeld bekannt würde, dass ich viel date/Sex habe; dann habe ich auch Angst vor STIs, und ich habe Angst davor, dass eine sexuelle Situation mit einem Mann, den ich (noch) nicht so gut kenne, aus dem Ruder läuft und ich missbraucht oder vergewaltigt werde, noch dazu, wenn ich dabei in seiner Wohnung wäre (was ich muss; meine Wohnsituation lässt Männerbesuche nicht zu und in der eigenen Wohnung könnte das ja auch passieren).
Vielleicht ist meine Angst vor diesen ganzen Szenarien aber größer als die realen Konsequenzen. Ich merke nur, dass ich diese Gedanken schon recht lange habe und da ich gerade vermehrt date, sich mir diese Fragen wieder häufiger stellen.
An der Stelle auch generell einmal vielen Dank für dieses tolle Angebot. ????
Unsere Antwort
Schau deinen Text nochmals an. Du sorgst dich vor allem um deine Performance, die zur Zufriedenheit deines möglichen Partners führen soll. Da könnte man sagen: Die heteronormative Sozialisation ist gelungen. Dein zukünftiger Partner dominiert in dir heute schon. Mit deinen Gedanken und Gefühlen schüchterst du dich ein. Das merkst du selbst.
Auf der anderen Seite hast du mit deiner Wahrnehmung völlig recht. Von Männern wird sexuelle Aktivität erwartet. Die gleiche Aktivität wird bei einer Frau oft nicht so geschätzt. Die Familie könnte bedroht sein und damit der gesellschaftliche Frieden, wenn Frauen oft die Partner wechseln. In diesem Bereich ist die gesellschaftliche Gleichstellung aller Menschen keineswegs erreicht.
Nun ist die Gestaltung der eigenen sexuellen Erregung eine persönliche Fähigkeit. Jede Person macht im Laufe ihres Lebens Erfahrungen, die zu Ausbau oder zur Hemmung ihrer Sexualität führt. Zu deinem Trost und zur Beruhigung: Die Anzahl der Sexualpartner*innen ist kein Mass für den sexuellen Genuss. Sexuellen Genuss lernst du, wenn du dich selbst gut wahrnimmst. Wenn du sexuelle Zufriedenheit erleben willst, brauchst du einen Körper, der dir diese Erlebnistiefe vermittelt. Zusammen mit einem Partner braucht es Abstimmung miteinander. Wenn die Abstimmung gelingt, kann der Sex zu zweit zu grossem Genuss und tiefen Bindungsgefühlen führen.
Unsere Texte kennst du bereits. Das sexuelle Lernen steht dort im Zentrum. Vielleicht hast du schon gemerkt, dass sexuelle Zufriedenheit auch eigenständiger macht. Wie attraktiv findest du einen möglichen Sexualpartner, der damit angibt, «zig-Frauen flachgelegt» zu haben? Du wärst dann Nummer X und müsstest damit rechnen, dass er morgen nach Nummer Y sucht. Wir ermuntern dich, dich eigenständig zu entwickeln. Wenn du Partner für kurze Kontakte wählst, könntest du anstreben, die gemeinsame Lust an der Erregung zu erleben. Für eine monogame Partnerschaft über längere Zeit braucht es bei beiden die Fähigkeit, dieselbe Person über längere Zeit erotisieren zu können. Diese Fähigkeit entwickelt jedes Paare miteinander in ihrer Beziehung. Und jede Beziehung wird sich von der vorherigen unterscheiden. Je eigenständiger du dich als Frau entwickelst, desto weniger wichtig werden dir einschränkende Normen sein.
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