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Frage Nr. 41495 von 06.07.2026

Liebes Lilli-Team,
ich bin w, 19, und schreibe euch, weil ich in letzter Zeit mit einem Gefühl umgehen muss, bei dem ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Ich war schon immer eine Person, die gerne unter Menschen ist. Ich brauche den sozialen Kontakt, damit es mir gut geht und ich mich nicht alleine fühle. Mit den richtigen Menschen habe ich Spaß und verbringe sehr gerne Zeit mit ihnen.

Jedoch gibt es auch eine Seite an mir, die gerne Zeit mit sich selbst verbringt. Ich liebe es, alleine zu sein, mich selbst zu beschäftigen, und ich genieße die Zeit mit mir wirklich sehr. Wenn ich alleine bin, fühle ich mich frei. Ich kann das machen, worauf ich Lust habe, muss mir keine Gedanken über die Bewertungen anderer machen und kann generell entscheiden, was ich tun will, ohne die Kriterien von jemand anderem berücksichtigen zu müssen. Das heißt nicht, dass ich nur alleine glücklich bin oder dass meine Freundschaften und meine Familie ein Problem für mich sind. Diese Menschen sind mir wichtig, und nach einer Weile spüre ich auch wieder den Drang, mit jemandem zusammen zu sein. Trotzdem brauche ich einfach oft eine Pause von der Welt, um einfach mit mir selbst zu sein.

In letzter Zeit ist der Drang nach solchen Momenten, die ich mit mir selbst verbringen will, viel stärker geworden. Schon seit einigen Wochen nerve ich mich fast schon, wenn gewisse Menschen in meine „Me-Time“-Momente eindringen. Als Beispiel: Ich gehe regelmäßig im Gym Sport machen. Eine Kollegin hat mich gefragt, ob sie auch mitkommen könnte, um zu schauen, wie es ist. Ich habe versucht, ihr indirekt zu sagen, dass das Gym nicht so viel Spaß macht und dass es sicher bessere Optionen gibt – nicht, weil ich das wirklich denke, sondern einfach, weil ich nicht wollte, dass sie mitkommt. Ich investiere diese Zeit eben gerne in mich und will sie mit niemandem teilen. Sie ist trotzdem mitgekommen und kommt jetzt regelmäßig einmal in der Woche mit mir. Ich habe das aber nicht gerne. Sie ist nett und ich verbringe eigentlich sehr gerne Zeit mit ihr, aber ich weiß nicht wieso: In dieser Situation will ich sie einfach nicht dabeihaben.

Genau das Gleiche ist mit einer anderen Kollegin passiert. In letzter Zeit kommt es auch vor, dass ich in die Bibliothek lernen gehe, und oft fragen mich Kolleginnen, ob wir zusammen gehen wollen. Dabei kommt es auf die Person an. Es gibt eine, die mich einfach fragt, wo ich bin, und dann von sich aus entscheidet, zu mir zu kommen. Es gibt eine andere, die mich fragt, ob ich in die Bibliothek gehe und ob wir zusammen lernen wollen. Im ersten Fall mache ich nichts – ich nerve mich nur in meinen Gedanken, weil ich eben nicht will, dass sie kommt (zumindest meistens nicht), aber ich tue so, als ob ich mich freuen würde. Im zweiten Fall sage ich einfach, dass das Lernen alleine besser klappt und dass ich lieber alleine in der Bibliothek sein möchte.

Vor allem in der Situation mit dem Gym habe ich mir überlegt, ihr zu sagen, dass ich nicht mehr mit ihr gehen will. Jedoch habe ich danach gedacht, dass ich einfach undankbar für das bin, was ich habe. In meiner Kindheit war ich oft alleine, weil ich von anderen ausgeschlossen wurde bzw. aufgrund der Sprachbarriere gar nicht kommunizieren konnte. Lange habe ich mir gewünscht, Freunde zu haben, mit denen ich Momente teilen und – als ich noch ein Kind war – spielen konnte. Jetzt, wo ich diese Freunde habe, fühle ich mich so kalt und will sie in gewissen Situationen gar nicht dabeihaben. Ist es normal, dass es mir so geht? Wieso ist dieser Drang alleine zu sein so stark geworden, dass ich mich manchmal sogar nerve, wenn anderen mit mir sein wollen? Bin ich eine schlechte/böse Person?

Unsere Antwort

Nein, du bist keine schlechte oder böse Person. Im Gegenteil, ich habe Mitgefühl mit dir.

Für dich scheint es zur Zeit ein kniffliger Moment zu sein, wenn deine Freunde eine Verabredung mit dir wollen und du lieber allein wärst.

Könnte es sein, dass du dich dafür abwertest, etwas anderes zu wollen als deine Freunde?

Deine Freunde ahnen womöglich gar nicht, wie es dir mit euren Treffen geht. Möglicherweise wären sie traurig darüber, dass du dich mit ihnen triffst, obwohl du lieber allein sein möchtest.

Mich interessiert: Was geht dir durch den Kopf, wenn deine Freunde Zeit mit dir verbringen wollen? Schreib doch mal 2-3 Gedanken auf, die du dann über dich selbst hast.

Und was glaubst du, was deinen Freunden durch den Kopf geht, wenn sie sich mit dir verabreden wollen? Schreib auch da mal 2-3 Gedanken auf.

An der Stelle kann es gut sein, dass Erlebnisse aus deiner Kindheit das Heute beeinflussen. Dabei ist heute eine andere Zeit. Die Gegebenheiten haben sich verändert, wie du schon selbst bemerkt hast. Heute hast du stabile Freundschaften. Du bist nicht mehr allein und ausgeschlossen.

Was wir denken, beeinflusst unser Handeln. Überleg dir doch mal, wie du in Zukunft gerne handeln möchtest rund um deine Alleinzeit und gemeinsame Zeit. Und dann schau, welche Gedanken über dich selbst und die anderen dir dabei helfen könnten. Das könnte zum Beispiel so etwas sein wie "Ich bin liebenswert, auch wenn ich viel allein sein möchte" oder "Unsere Freundschaft hält es aus, wenn es Phasen gibt, in denen ich viel allein sein möchte" Gut möglich, dass dir da ganz andere Dinge einfallen.

Schau doch mal, wie das für dich ist. Und beobachte, was du selbst verändern kannst und welche Wirkung das hat. Dabei wünsche ich dir alles Gute.

Falls du dir weitere Unterstützung von uns wünschst, schreib uns einfach wieder. Gib dann bitte die Nummer dieser Frage an.

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