Stell deine Frage...

Frage Nr. 41538 von 18.07.2026

Ich wende mich anonym an Sie, weil ich mit einem sehr persönlichen und für mich beschämenden Thema noch nie mit jemandem gesprochen habe. Es fällt mir sehr schwer, das aufzuschreiben, aber ich möchte verstehen, was mit mir passiert, und Unterstützung finden. Ich bin verheiratet und Mutter.

Vor etwa sechs Jahren musste ich dringend auf eine Toilette und hielt bei einer kleinen Raststätte an einer Autobahn in der Nähe unseres Wohnorts an. Dabei entdeckte ich zufällig eine kleine Öffnung zwischen der Herren- und der Damentoilette. Ich recherchierte danach im Internet und erfuhr, dass es sich um ein sogenanntes "Glory Hole" handelt. Zunächst dachte ich nicht weiter darüber nach. Nach einiger Zeit kamen mir die Gedanken daran jedoch wieder, und ich fuhr aus reiner Neugier dorthin – während mein Mann arbeitete.
(...)

Das Reizvolle an der Situation war für mich immer, dass die Männer nicht wissen, wer ich bin, und ich nicht weiss, wer sie sind.
(...)

Das Verhalten hat sich mittlerweile nicht mehr nur auf diesen einen Ort beschränkt. Ich habe inzwischen auch andere Wege ausprobiert, um anonyme sexuelle Kontakte zu haben, unter anderem über eine Website und weitere Treffpunkte. (...)

Der Ablauf ist dabei immer ähnlich: Vor dem Hingehen bin ich sehr unruhig, fast als würde ich es körperlich brauchen – wie eine Droge. Während des Geschehens selbst spüre ich auch das Gefühl, dreckig zu sein, dieses wirkt auf mich in dem Moment jedoch eher erregend als beschämend – es ist eine Mischung aus unangenehm und sehr reizvoll zugleich. Die Scham stellt sich bei mir erst im Nachhinein ein. Ich kann mit diesem Verhalten nicht aufhören, obwohl ich es möchte. Ich habe bereits mehrfach versucht, aktiv damit aufzuhören, falle aber jedes Mal wieder zurück. Ich war deswegen bereits früher in einer Sexualtherapie, leider ohne Erfolg. Zudem hat sich bei mir mit der Zeit eine Art Toleranzentwicklung eingestellt: (...) Auch das erlebe ich wie bei einer Droge, bei der die Reizschwelle mit der Zeit steigt.

Ich habe bei diesen Kontakten nie Kondome oder andere Schutzmittel verwendet. Die sexuellen Handlungen umfassten oralen, vaginalen und analen Kontakt. Gegen eine Schwangerschaft nehme ich zusätzlich die Pille, gegen sexuell übertragbare Infektionen jedoch nicht. Vor zwei Wochen habe ich mich testen lassen; das Ergebnis war negativ. Bei einigen dieser Treffen, insbesondere bei Kontakten ausserhalb des Glory Holes, habe ich mich zeitweise unsicher oder ängstlich gefühlt.

Das Verhalten hält bis heute an, der Drang kommt immer wieder. Mein Mann weiss nichts davon. Gegenüber meinem Mann habe ich starke Schuldgefühle, auch wenn er nichts von alledem weiss. Unser Sexualleben als Paar ist davon interessanterweise nicht betroffen – wir haben nach wie vor regelmässig und unbeschwert Sex miteinander. Zusätzlich beschäftigt mich sehr stark und häufig die Sorge, von einem der Männer erkannt oder irgendwann darauf angesprochen zu werden (...)

Am wichtigsten ist mir, zu verstehen, warum ich dieses Verhalten entwickelt habe und warum ich es trotz mehrerer Versuche – auch mit vorheriger Sexualtherapie – nicht unter Kontrolle bekomme. Ich wünsche mir einen Raum, in dem ich offen und ohne Verurteilung darüber sprechen kann, und eine Einschätzung, welche Art von Behandlung mir wirklich helfen könnte. Ich bin bereit, alle weiteren Fragen so ehrlich wie möglich zu beantworten.

Für mich fühlt sich dieses Verhalten wie eine Art Sucht an, ähnlich wie bei einer Droge – mit dem Verlangen davor, das ich kaum kontrollieren kann, und dem Kreislauf aus Rückfällen trotz mehrerer eigener Versuche, damit aufzuhören.
Mit freundlichen Grüssen

Unsere Antwort

Ich würde nicht soweit suchen nach Gründen, warum du ausgerechnet dieses sexuelle Verhalten zeigst. Der Kick nach dem Aufregenden Neuen, Fremden, Verbotenen, Extremen kann eine starke Quelle für sexuelles Begehren sein. Und dann ist es oft der Zufall, der uns in eine bestimmte Richtung lenkt. Bei dir war das auch so. Da hat sich eine Möglichkeit angeboten, und es war relativ einfach, hier immer wieder nachzugeben und es immer wieder zu tun. Wenn du etwas immer wieder tust, lernst du das immer mehr mit sexuellen Begehren, sexueller Lust und sexuelle Entladung zu verbinden.

Hinzu kommen bei dir sicherlich noch andere Aspekte. Du erlebst das Verhalten als dranghaft. Drang ist ein Thema, das mit Emotionsregulation und Emotionsverarbeitung zu tun hat. Ich bitte dich, dazu diesen Text zu lesen und dir zu überlegen, welche Sehnsüchte und welche Bedürfnisse jenseits der sexuellen Erregung du eigentlich befriedigen möchtest, und was dich allenfalls in diesem Text sonst noch so anspricht.

Du schreibst, dass du schon einmal in einer Sexualtherapie gewesen bist. Das war ein guter Schritt. Es würde mich interessieren, was das für eine Sexualtherapie war, was ihr dort gemacht habt, und wie lange du dort warst. Denn auch ich würde dir eine Sexualtherapie empfehlen – möglicherweise aber in Verbindung mit einer Psychotherapie, denn es geht für mich hier nicht nur um Sexualität. Sondern es geht zum einen auch um den Umgang mit Emotionen und mit Bedürfnissen, und zum anderen auch um deine Beziehung. Du beraubst deinen Mann eine Entscheidungsmöglichkeit, weil du ihn nicht informierst. Das könnte ein wichtiger Motivator für dich werden, doch wieder fachliche Unterstützung zu suchen.

Wenn du dich fragst, was dein Mann denken würde, wenn er wüsste, was du machst, wie geht es dir dabei? Es wäre wichtig, zu beleuchten, wie dieses unmittelbare Bedürfnis nach dem Kick stärker werden kann als die Schuldgefühle. Mit welchen Gedanken und Rechtfertigungen kannst du in diesem Augenblick die innere Kontrollinstanz "ausschalten", die dir sagen möchte, dass du dieses Verhalten nicht o. k. findest gegenüber deinem Mann, und dass du nicht nur dich, sondern auch ihn dabei wegen dem Risiko sexuell übertragbare Infektionen in Gefahr bringst?

Bei dranghaftem Sexualverhalten, das man selbst eigentlich nicht okay findet, braucht es immer Rechtfertigung, um dieser Kontrollinstanz den Wind aus den Segel zu nehmen. Überleg dir mal: Kurz bevor du wieder zu einer Handlung übergehst, welche Gedanken hast du, die es dir ermöglichen, den Schritt zu dieser Handlung zu machen, statt dir zu sagen, "Nein, das mache ich jetzt nicht?" Wie ist dir das gelungen? Was sagt die Ja-Stimme, was sagt die Nein-Stimme? Beide sollte man genauer anschauen.

Es ist dir offenbar auch schon gelungen, Nein zu sagen. Wie hast du probiert, aufzuhören? Welche Strategien hast du gewählt? Was hast du gemacht, um mit dem Loch umzugehen, das entstand, wenn du dem dranghaften Verhalten nicht nachgehen konntest?

Du kannst uns gerne wieder schreiben, nachdem du den Text gelesen hast, und meine Fragen beantworten. Vielleicht kann ich dir dann, aus sexualtherapeutischer und psychotherapeutischer Sicht, noch etwas konkretere Tipps und Ideen geben.

Ich habe deine Frage stark gekürzt, denn ich möchte, dass deine Anonymität absolut gewahrt werden kann.

Schau dir mehr Antworten und Infotexte an zum Thema