Hallo, ich bin das Mädchen aus der Frage 41495. Seit meinem damaligen Gefühlsausbruch sind einige Tage vergangen, und jetzt habe ich das Bedürfnis zu sagen, dass ich sehr widersprüchliche Gefühle habe. Während mein Ich von vor ein paar Tagen einfach nur einen Moment der Ruhe in Einsamkeit gesucht hat, überkommt mich jetzt ein Gefühl der Traurigkeit, das mich jeden Abend zum Weinen bringt, weil ich Angst habe, allein zu bleiben.
In letzter Zeit habe ich angefangen, mir viele Fragen zu stellen und vor allem über mein Verhalten und das der anderen nachzudenken. Ich bin nun schon vor 12 Jahren aus Italien ausgewandert, was dazu geführt hat, dass ich mich vom familiären Umfeld (Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins usw.) entfernen musste. Während ich mich mit meinen Eltern und meinen Freunden wohlfühle, habe ich mich beim Rest der Familie fehl am Platz gefühlt – und tue es auch heute noch. Seit ich weggegangen bin (ich war damals 7 Jahre alt), habe ich mich immer weiter von diesen Menschen entfernt, und vielleicht sie sich auch von mir. Die Erinnerungen aus meiner Kindheit hinterlassen bei mir nur vage Spuren, ich weiß nicht mehr, wie sie mich damals behandelt haben. Ich weiß nur, dass sie ab meinem elften Lebensjahr begonnen haben, mich mit anderen Augen anzusehen. Jedes Mal, wenn ich sie besuchte, war es, als liefe ich durch einen Scanner. Sie starrten meinen Körper an, der sich in dieser Entwicklungsphase verständlicherweise ständig veränderte, und sie beobachteten auch die Entwicklung meiner Persönlichkeit.
Das Problem ist, dass ich schon immer ein sehr sensibler Mensch war und jede Kritik oder jeden Kommentar mit einer zehnmal höheren Intensität aufgenommen habe als ein normaler Mensch. Ich habe sogar allein an den Blicken der Leute gemerkt, wenn etwas nicht stimmte. Das bedeutet, dass ich mich in dieser Zeit, mit 11 Jahren, zutiefst unwohl fühlte, wenn ich durch diesen Scanner lief. Sie machten Kommentare über mich, und ich reagierte in keiner Weise, außer dass ich alles aufsaugte und tagelang und wochenlang über diese Worte nachgrübelte, um sie zu verstehen und zu verarbeiten. Die Kommentare waren positiv, was meine schulischen Leistungen betraf, aber negativ in allem anderen.
Zum Beispiel hatte ich schon immer eine etwas kräftigere Statur (leichtes Übergewicht), und sie gaben mir das so sehr zu spüren, dass ich in Tränen ausbrach (allerdings nie vor ihnen). Aus irgendeinem Grund brachte ich in ihrer Gegenwart dann auch kein Wort mehr heraus: Mein Mund schloss sich instinktiv. Ich setzte mich in eine Ecke und hörte stundenlang zu, ohne den Mund aufzumachen. Als eine Tante dieses Verhalten sah, sagte sie einmal zu meiner Mutter (während ich daneben saß und zuhörte), dass ich vielleicht depressiv sei und mich von einem Spezialisten untersuchen lassen sollte.
Kurz gesagt, ihr Verhalten hat mir nie gefallen, weil sie zu aufdringlich waren; ihre Kommentare, die meiner Meinung nach viel zu heftig formuliert waren, verletzten mich und machten mich wütend. Diese Situation zog sich über Jahre hinweg, und eine besonders wichtige Rolle spielte dabei eine meiner Tanten. Ich weiß noch, dass ich als kleines Kind gerne Zeit mit ihr verbracht und mit ihr gespielt habe. Im Laufe der Jahre jedoch, besonders seit sie ein Kind bekommen hat, scheint sie mir immer egoistischer und egozentrischer geworden zu sein. Die ganze Welt muss sich um sie und ihre Familie drehen. Manchmal kritisiert sie meine Mutter dafür, wie sie uns erzogen hat, und sagt, dass sie es bei ihrem Sohn anders mache. Wenn wir abends per Video mit den Großeltern telefonieren, muss sie immer zeigen oder erzählen, was ihr Sohn an dem Tag Tolles gemacht hat. Wenn hingegen ich erzähle, gibt es keinerlei Reaktion, alle bleiben stumm und niemand scheint sich besonders dafür zu interessieren. Das Gleiche passiert, wenn wir uns persönlich sehen: Ich werde nie beachtet, ja oft werde ich sogar von Witzen oder bestimmten Aktivitäten ausgeschlossen.
Ich habe viel über diese Situation nachgedacht, und ehrlich gesagt empfinde ich nur Wut, Traurigkeit und Angst. Wut über das Verhalten meiner Verwandten, Traurigkeit, weil ich mich falsch fühle und mir wünsche, wie die anderen behandelt zu werden, und Angst, weil ich mich im Moment so allein fühle.
Ich wünschte mir so sehr jemanden an meiner Seite, der mir sagt, dass mit mir alles in Ordnung ist und dass das Problem nicht bei mir liegt. Ich wünschte mir jemanden, der mir die Gewissheit gibt, für mich da zu sein, egal was passiert. Ich habe zwar meine Freunde und meine Eltern, ja, aber mit ihnen kann ich über diese Dinge nicht reden, oder wenn ich es versuche, verstehen sie meinen Standpunkt nicht richtig. Ich wünschte mir jemanden, der mit mir gemeinsam nachdenkt und mir ein wenig Last von den Schultern nimmt.
Zudem bringt mich mein Gedankenkarussell oft dazu, zu glauben, dass das Problem bei mir liegt und dass ich ein schlechter Mensch bin, der dazu bestimmt ist, für immer allein zu bleiben. Das liegt auch an meiner Reaktion auf bestimmte Verhaltensweisen: Während ich das Verhalten meiner Familie die meiste Zeit ignoriere, platze ich ab und zu mit Kommentaren heraus, von denen ich weiß, dass sie Menschen verletzen, die ich aber wegen der vielen angestauten Wut nicht zurückhalten kann.
Ein weiterer Moment, den ich als schwierig empfunden habe, war, als ich derselben Tante erzählte, an welche Universität ich gehen würde. Sie sagte mir, dass das nicht gut sei und es besser wäre, einen anderen Fachbereich zu wählen. Als ich ihr dann sagte, dass ich Übersetzerin werden möchte, antwortete sie, dass ich für diesen Beruf nicht geeignet sei. Ich zählte andere Optionen auf, und sie lehnte sie alle ab (und schlug sogar vor, das Studienfach zu wechseln). Sie hält mich in allem für unfähig. Das hat mir sehr wehgetan, vor allem weil ich in dieser Zeit ohnehin schon sehr unsicher bezüglich meiner Wahl war, und solche Worte zu hören, hat mir sicherlich nicht geholfen. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, jegliche Informationen über die Universität und meine akademische Ausbildung zu verschweigen.
Ich habe große Angst davor, allein zu bleiben, ein schlechter Mensch zu sein, ohne es zu merken, und diese Momente, in denen ich mich einsam fühle, abgewechselt von denen, in denen ich allein sein möchte, verwirren mich sehr. Ich hoffe, ihr versteht, wie ich mich fühle und was mein Problem ist. Ich entschuldige mich, falls die Nachricht etwas chaotisch wirkt, aber im Moment habe ich so ein Durcheinander im Kopf, dass ich es alleine nicht schaffe, Ordnung hineinzubringen. Vielen Dank für eure Antworten!
Unsere Antwort
Keine Sorge, ich finde deine Nachricht weder chaotisch noch anstrengend. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Genau für Menschen wie dich wollen wir mit unserer anonymen Onlineberatung ein Ort sein, wo Unterstützung möglich ist. Selbst, oder gerade dann, wenn du allein nicht weiter weißt.
Da scheint dich offensichtlich etwas sehr zu berühren. Ich finde es okay, dass du traurig bist und es in dir widersprüchliche Gefühle gibt. Einerseits möchtest du dich für Alleinsein entscheiden, du möchtest aber nicht einsam sein. Vielleicht hilft es dir, in eine Richtung zu denken, wo beides vereinbar ist. Kannst du dir vorstellen, dass es bei anderen Menschen auch beides gibt?
Du beschreibst sehr feine Antennen für die Stimmungen und Reaktionen anderer. Das ist bei dir begleitet von einem sehr unangenehmen Gefühl, bewertet zu werden. Ich finde es sehr schade, zu lesen, dass du außer zu deinen schulischen Leistungen keine positiven Rückmeldungen bekommen hast. Insgesamt klingen die Erlebnisse in deiner Familie wirklich unangenehm. Ich kann verstehen, dass du dich dort nicht wohlfühlst.
Ich finde es schön, zu lesen, wie du heute auf die Situationen blickst. Du erkennst deine Gefühle an. Das ist wichtig. Du bemerkst auch deutlich, was du dir stattdessen wünschst.
Ich lese deine Zeilen: "Ich wünschte mir so sehr jemanden an meiner Seite, der mir sagt, dass mit mir alles in Ordnung ist und dass das Problem nicht bei mir liegt. Ich wünschte mir jemanden, der mir die Gewissheit gibt, für mich da zu sein, egal was passiert. Ich habe zwar meine Freunde und meine Eltern, ja, aber mit ihnen kann ich über diese Dinge nicht reden, oder wenn ich es versuche, verstehen sie meinen Standpunkt nicht richtig. Ich wünschte mir jemanden, der mit mir gemeinsam nachdenkt und mir ein wenig Last von den Schultern nimmt." Da kommt bei mir der Gedanke an eine psychotherapeutische Begleitung auf. Hast du darüber selbst auch schon mal nachgedacht?
Du hast dich ja bereits an uns gewendet und das finde ich einen mutigen Schritt. Du kannst dir auch weiterhin Unterstützung von uns holen, wenn du das möchtest. Für deine klar formulierten Wünsche stelle ich mir vor, dass es eine Person braucht, die mit dir im gleichen Raum ist. Es gibt solche Begleitungen aber in ganz verschiedenen Formaten. Schriftlich - so wie bei uns. Telefonisch - zum Beispiel bei der Telefonseelsorge. Per Video oder in echt. Hier findest du Anlaufstellen. Du kannst auch nach Psychotherapiepraxen in deiner Nähe schauen. Was fühlt sich für dich stimmig an?
Ich hoffe, ich kann dir mit diesen Anregungen etwas weiterhelfen. Falls du den Eindruck hast, dass ich etwas nicht verstehe, melde es mir gerne zurück. Ich bin interessiert daran, zu verstehen, wie ich dir helfen kann.
Unser Fragefenster macht nun Sommerpause. Deshalb kannst du uns erst danach wieder schreiben. Das kannst du gerne tun. Ich bin gespannt, zu erfahren, wie es bei dir weitergeht. Gib dann bitte die Nummer dieser Frage an.
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