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Frage Nr. 40065 von 20.07.2025

Vielen Dank für eure Antwort auf 40000. Ich verstehe, dass Debatten den Rahmen sprengen. Umso mehr danke ich euch, dass ihr euch Zeit dafür genommen habt.

Ich möchte auf ein paar Kommentare/Rückfragen eingehen. Bitte fühlt euch nicht gedrängt, (ausführlich) antworten zu müssen, wenn ihr keine Zeit dafür findet! Bitte lest es aber. Es klärt hoffentlich ein paar Dinge und könnte für Mitleser/innen lesenswert sein.

Zunächst: Wenn ich jemanden durch meine Aussagen gekränkt und intolerant gewirkt haben sollte, tut mir das leid.

"dass junge Frauen sozialisiert werden ... aber ältere Frauen keines Falls...
Danke für diesen Einwand! Ihr habt recht, dass dies nicht nur für Männer (jeder Alterstufe), sondern auch für ältere Frauen sehr verletzend ist.

"Wie steht es mit der Selbstachtung von Menschen, die sexuelle Handlungen als private Tauschgeschäfte machen"
Noch schlimmer, weil man sich sogar vor dem eigenen Partner erniedrigt. "Tauschgeschäft" bringt es auf den Punkt: Sex ist doch keine Ware, kein lebloses, unemotionales Produkt. Sex ist höchste Intimität, intimste und tiefste Emotionen, Zulassen von maximaler Nähe und ein Geschenk, das sich zwei Menschen geben basierend auf gegenseitigem Begehren, Wertschätzung und Respekt. Sobald einer der Beteiligten etwas in die Waagschale werfen muss, ist es rein logisch eine Erniedrigung und Gefälle.

"nicht wenige Frauen, die gern für einen Callboy oder eine Tantramassage zahlen würden...Paare, die gern für Sex zahlen"
Danke für diese Sichtweise. Dennoch ist der Anteil derer, die aus Emanzipation bezahlen, mit Sicherheit sehr viel kleiner als derer, die sich chancenlos und unbegehrt fühlen und denken, sie hätten es nicht verdient gleichwertig begehrt zu werden.

Natürlich gibt es Unterschiede in physischer Attraktivität oder Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung, für die es schwierig ist, Sexpartner zu finden. Wenn so jemand sich dafür entscheidet, steht es mir nicht zu, das zu verurteilen, aber es muss so tief verletzend sein, sexuell, also in dieser uns allen innewohnenden, zutiefst intimen, emotionalen und persönlichen Empfindung, nie begehrt und wertgeschätzt zu werden oder? Als ob das nicht schlimm genug wäre, erniedrigt sich ein Mensch für ein paar Minuten lieblosen Sex mit einem Menschen, der einen nicht nur nicht begehrt und wertschätzt, sondern sogar verachtet* und (im Falle von freiwilliger Prostitution) mit der Verzweiflung dieser Menschen Geld verdient.
* "Ich habe alle Freier gehasst und verachtet ... ich war ein paar mal kurz davor einen von euch umzubringen" (https://mylifeinprostitution.wordpress.com/2017/01/06/a)

"Modeindustrie: Frauen sexy und körperbetont, Männer körperverhüllend...Woher hast du all das?"
Geht durch die Fußgängerzone und sagt mir, wer mehr Haut zeigt und körperbetonter gekleidet ist. Wie viele Frauen nutzen Kosmetik, um ihr Aussehen zu tunen? Wie viele Männer? Wie oft sexualisierte Männern in Werbung und wie oft Frauen? Wie oft Männer aufreizend sexy in Spielfilmen? Wie oft Frauen? Wie oft sind Männer in Filmen die triebgesteuerten "Lustmolche", wie oft Frauen? Wie oft wird Fellatio lust- und genussvoll für Frauen dargestellt und wie oft, dass Frau es widerwillig macht, sich ekelt oder gezwungen wird? Das sorgt doch auch bei Frauen, die sowieso schon "viel schamhafter erzogen werden" (Ann-Marlene Henning), für noch mehr Scham und belastende Gefühle. Wenn Frauen denken "In Filmen ekeln sich Frauen vor dem Blasen und in Pornos dient es dazu, uns zu erniedigen. Ich sollte das nicht wollen, aber es erregt mich so. Was stimmt nicht mit mir?" Gerade zum Thema Scham vor der eigenen Lust und SB schreiben euch viele Frauen.
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-08/katja-lewina-beschimpfungen-sexismus-selbstbestimmung-sexpodcast ("Frauen beschimpft man mit zu viel Sex, Männer mit zu wenig")

Gedankenspiel: Männermode sexy und körperbetont, Frauenmode zeigt viel weniger (Lerneffekt: "Frauenkörper weniger zeigenswert"). Männer tunen sich mit Kosmetik, bei Frauen ist das gesellschaftlich verpönt. In der Werbung knapp bekleidete Männer. Sex sells. Frauen fast nie (Lerneffekt: "Wir Frauen sind eben nicht sexy. Will niemand sehen.") In Filmen werden Frauen häufig triebgesteuert dargestellt. In Sexszenen wird gezeigt wie Männer sich vor dem weiblichen Körper ekeln und genötigt werden. Und jetzt sagt mir bitte, wie sich all das auf das sexuelle Selbstvertrauen von Frauen auswirken würde.

Der Kommentardialog zwischen Randy.Rocker und Ms Poppins ist einfach nur absurd, denn ich hätte ihn nicht besser schreiben können: ein Mann, der in zynischer und widerlichster Selbstverachtung (und Frauenverachtung) beschreibt wie er schon immer für Sex bezahlt und eine Frau (Ms Poppins) hält ihm den Spiegel vor. Es kommen auch Zitate von und auch eine ehemalige Prostituierte zu Wort, die eure Einstellung zu "Sexarbeit" vielleicht noch mal ins Wanken bringt!

https://www.zeit.de/campus/2017-05/nofap-bewegung-masturbieren-pornos-maenner-verzicht-maennlichtkeit#cid-13042096

Bitte lest die Kommentare und sagt mir, dass Randy.Rocker nicht alles verkörpert, was ich beschreibe: Das Selbstverständnis unattraktiv zu sein, die Resignation und krasse Selbstverachtung, das Prahlen mit Geld und Job als Ausgleich, das Selbstbild vom triebgesteuerten Mann, sich Sex holen muss, Frauen, denen er den eigenen Sextrieb abspricht und dass diese Männer für Sex ausnutzen wollen, Alpha Males usw.

Die Zunahme von Männergruppen mit genau diesen Denkweisen ist doch kein Zufall. Viele Männerfragen, die Minderwertigkeitskomplexe und eine Überhöhung von Frauen zeigen, sind etwas viel für Einzelfälle: 36393, 37071, 35896, 39325, 39731, 39447, 38311, 38309, 38516, 35705, 37668 ("Ich finde männer einfach nicht so schön und mir wurde oft das Gefühl gegeben,dass ich als richtiger mann nicht tauge."), 39961 (der Kumpel des Fragestellers, aber auch er selbst (will ältere Frauen daten, weil er sich chancenlos fühlt oder Aussagen wie "Ich könnte die Frau richtig auseinander nehmen wenn mein Penis groß und vor allem dick wäre")). Wie viele Beispiele muss ich noch anführen?

Minderwertigkeitskomplexe und die krasse Fixierung auf Frauen und Sex ist logisches Produkt unserer Sozialisierung. Wäre es nicht so, müssten wir das gleiche Verhalten doch bei Frauen feststellen? Der Dialog zwischen Randy.Rocker und Ms Poppings andersherum? Undenkbar! Frauengruppen, die nur das Ziel haben, Männer ins Bett zu kriegen? Never. Fragen von Frauen, die obsessiv fixiert sind auf Männer? Never. Frauen, die als unterwürfige Bittsteller massenhaft Männer anbaggern, um Telnummern zu bekommen? Never. Und jetzt wollt ihr ernsthaft sagen, es gebe keinen krassen sexuellen Sozialisierungsunterschied?

Wir sozialisieren Männer als sexuell minderwertige Geschöpfe und regen uns über das Ergebnis, über Menschen wie Randy.Rocker, auf, die irgendwann vor lauter Selbstverachtung resignieren, Frauen verachten und sich Sex "holen". Er kann das noch bezahlen. Andere greifen zu schlimmeren Mitteln...

Unsere gesellschaftliche Reaktion? Anstatt Männer und Frauen sexuell gleich zu sozialisieren zu gleichwertigen, glücklicheren, selbstbewussteren Menschen und Sexismus und Frauenhass den Nährboden zu entziehen, bewerfen wir Männer mit noch mehr Dreck: alles männliche wird zum Schimpfwort: Manspreading, Mansplaining, "alte weiße Männer", toxische Männlichkeit (gibts auch toxische Weiblichkeit?) usw. Guter Plan. Menschen, die aus lebenslang erlernten sexuellen Minderwertigkeitsängsten Hass auf Frauen entwickeln, werden bestimmt geläutert durch noch mehr Verachtung und Diffamierung.

Wir wollen Sexismus gar nicht abschaffen, weil wir dann zugeben müssten, dass er der Spiegel unserer absurd künstlich verzerrten gesellschaftlichen Sexualisierung ist, die (junge) Frauen krass überhöht und Männer erniedrigt. Aus Angst, Männer vermeintlich in die Opferrolle zu stecken, halten wir lieber am Status Quo fest. Egal ob Migration, Umweltschutz oder Sexismus: wir suchen einfache Gut-Böse-Feindbilder statt hinter die Kulissen zu schauen aus Angst vor unbequemen Wahrheiten, die unser Weltbild stören und wundern uns über die Spaltung der Gesellschaft.

Ich danke euch herzlich für eure Arbeit und wünsche euch auch einen schönen Urlaub!

Unsere Antwort

Hut ab, du liest wirklich viel und genau. Danke für deine Ausführungen. Alles, was du schreibst, stimmt – nicht immer, aber es gibt Menschen/Situationen, für die es zutrifft. So intelligent und differenziert, wie du schreibst, ist dir klar, dass man nicht pauschalisieren darf, sondern das differenziert anschauen muss, und dass du hier von statistischen Häufungen und Tendenzen redest.

Du zitierst einzelne Meinungen und Artikel, die keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben. Da dich die Thematik so interessiert, empfehle ich dir, dass du einen Schritt weiter gehst: Such dir wissenschaftliche Artikel und, noch besser, Metastudien.

Zum Mann-Frau-Thema empfehle ich dir als Sommerlektüre folgendes Buch: Von Natur aus Anders von Doris Bischof-Köhler. Es geht mit beispielloser wissenschaftlicher Gründlichkeit auf die Mann-Frau-Thematik ein. Wenn du es gelesen hast, wirst du viel besser verstehen, auf was das alles eigentlich aufbaut. Und du wirst von dir nicht angesprochene Punkte, aber doch wesentliche Punkte berücksichtigen können. (Darauf kann ich jetzt nicht eingehen, dazu empfehle ich die Lektüre des Buches).

Zum Thema Sexualität: Wir unterscheiden sexuelle Ideale und sexuelle Realitäten. Du beschreibst ein Ideal: "Sex ist höchste Intimität, intimste und tiefste Emotionen, Zulassen von maximaler Nähe und ein Geschenk, das sich zwei Menschen geben basierend auf gegenseitigem Begehren, Wertschätzung und Respekt." Wenn Sex für dich so sein muss, nimmst du die Realität nicht ernst. Schau dir die Studie von Cindy Meston noch einmal an. Das ist sexuelle Realität. Sex wird sehr oft gebraucht (man könnte streng sagen "missbraucht"), um andere Bedürfnisse zu befriedigen.

Man kann etwas dafür tun, dass Sex besser wird, dass er lustvoller und zugleich intimer wird. Die Verbindung von sexueller Erregung und emotionaler Intimität ist aber eine der schwierigsten Herausforderungen in der Sexualität. Es ist eins der Hauptanliegen, die Menschen in die Sexualberatung und Sexualtherapie bringen. Unser sexualtherapeutischer Ansatz, der Sexocorporel, unterstützt Menschen dabei, ihre Körper beim Sex so einzusetzen, dass dieser sexuell-emotionale Spagat besser funktioniert. Er unterstützt Menschen dabei, sich beim Sex selbstsicherer zu fühlen als Männer, Frauen etc., und wirklich empathisch aufeinander einzugehen.

Warum sind sexuelle Erregung und emotionale Nähe so ein schwieriger Spagat? Hierzu muss man ausholen. Lies bitte den Text über das autonome Nervensystem. Lies dann den Text über hohe Muskelanspannung beim Sex. Befragungen haben gezeigt, dass ziemlich viele Menschen Techniken der Erregungssteigerung einsetzen, wo dauerhaft hohe Muskelspannung und kurze Atmung im Spiel sind. Damit wird beim Sex ihr autonomes Nervensystem derart aktiviert, dass sie emotional in einem auf Überleben fokussierten Zustand sind, wo sie eher Feinde sehen als Freunde – ja, und die einlädt zu Negativbewertungen von sich selbst oder der anderen Person. Und das passt nicht zu deinem Idealbild von Sex. Die gute Nachricht ist, dass alle Menschen sexuell dazu lernen können und Sex/sich selbst als Mann/Frau/etc. auf eine ganz neue Weise erleben lernen können. Als Sexualtherapeut*in oder Sexualberater*in kann man da Schönes bewirken.

Nochwas zum Thema Attraktivität: Ich weiss nicht, wo du lebst. Bei uns in Zürich sind junge Männer schon einem ziemlichen Modediktat unterworfen. Aber ich sehe auch, dass es da klare Geschlechtsunterschiede gibt. In der sexualtherapeutischen Praxis ist es immer wieder eindrücklich zu sehen: Die grösste Angst des Mannes ist die mangelnde sexuelle Potenz, die grösste Angst der Frau die mangelnde sexuelle Attraktivität. Ich glaube, das war schon vor 2'000 oder vor 4'000 Jahren so. Das ist aus meiner Sicht nicht nur Sozialisation, sondern dahinter versteckt sich auch eine evolutionsbiologische Logik.

Wir wünschen dir ebenfalls einen schönen Urlaub!

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