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Frage Nr. 40515 von 06.12.2025

Ich habe eine etwas seltsame Frage. Ich habe vor ein paar Tagen einen schlimmen Autounfall miterlebt. Ich habe nicht gesehen, wie er passiert ist, aber war kurz danach als Ersthelferin vor Ort. Jetzt ein paar Tage danach, beschäftigt mich der Unfall natürlich immer noch. Und ich merke, dass ich mir die Bilder immer wieder in allen Details in Erinnerung rufe. Es ist nicht so, dass die einfach auftauchen. Sondern ich mach das ganz bewusst, weil es mir irgendwie eine seltsame Befriedigung gibt, wenn ich mich daran erinnere. Das ist doch nicht normal oder? Das Gefühl, dass die Erinnerung in mir auslöst ist vielleicht vergleichbar damit, wenn man an einem Unfall vorbeifährt und unbedingt hingucken will. Warum ist das bei mir so?

Unsere Antwort

Tatsächlich lösen Unfälle bei sehr vielen Menschen Schaulust aus. Katastrophen sind aufregend und vielleicht ängstigend. Mit solchen Gefühlen wird man vielleicht besser fertig, wenn man stehenbleibt, hinguckt und die Aufregung mit anderen teilt. Durch diese Schaulust können aber Bergungsarbeiten behindert werden. Wenn jemand an einem Unfall vorbeifährt, anhält und ev. sogar Fotos macht, ist das in Deutschland ein Straftatbestand. 

Bei dir scheint nicht die Schaulust eine Rolle zu spielen. Du schreibst, dass du als Ersthelferin vor Ort warst. Du hast die Unfallfolgen also von Nahem gesehen und hautnah miterlebt. Kann es sein, dass du dir die Bilder immer wieder in Erinnerunge rufst, um deine Handlungen zu überprüfen? Konntest du helfen? Hast du etwas bewirkt? Bist du vielleicht stolz auf deine Hilfeleistung? Ebenso könnte es sein, dass du Zweifel hast. Bist du in Teil deiner aktiven Erinnerung? Oder siehst du vor allem den Schaden? Möglicherweise brauchst du die Bilder auch, um zu glauben, dass dieser Unfall Wirklichkeit war. Wenn etwas sehr aufwühlend ist, denken und sagen wir oft «das kann doch nicht wahr sein!». Es ist ja noch nicht viel Zeit vergangen. Da sind solche intrusiven Erinnerungen normal. Wenn die Erinnerungen über einige Wochen oder einem Monat so eindringlich bleiben und dich auch emotional überwältigen, könnte es sein, dass du eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelst. 

Wir raten dir, einzusehen, dass du etwas Belastendes erlebt hast. Du hast eine spezielle Situation überstanden. Du bist ganz normal, wenn du dich immer wieder ganz genau erinnern musst. Oft brauchen die Gefühle einige Zeit, bis sie Erlebtes einordnen können. Vielleicht gelingt es dir, die Erinnerungen als eine Verarbeitungshilfe anzusehen. 

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