Ich möchte mich für meine Formulierung von Frage 40459 entschuldigen. Ich war sehr emotional und merke beim nochmaligen Lesen, dass meine Aussagen kränkend und vielleicht frauenfeindlich rüberkamen. Das tut mir leid.
Leider stelle ich fest, dass ihr bei Frauen ganz andere Standards anlegt:
38017: "Wir finden es okay, wenn es für dich nicht drin liegt, dass dir jemand in den Mund ejakuliert....Da scheinen allerdings sehr strenge und wertende Stimmen in deinem Kopf zu sein. Die gönnen es dir nicht, deine Abneigung gegen Sperma im Mund zu akzeptieren. Woher kommt die Erwartung, dass du das bieten solltest?"
40459: "Du allein findest den Gedanken an Cunnilingus eklig und stellst dir vor, das weibliche Geschlecht sei eklig, schmecke und rieche eklig. Wenn du auch nicht der einzige Mann bist, der das so erlebt, so bist du doch in der Minderheit."
Puh! Wenn das mal kein Gender-Bias ist :-(
Es tut mir leid, dass ich euch offenbar so gekränkt habe, aber diese Aussage stimmt einfach faktisch nicht. Ich habe in den letzten Monaten viel dazu gelesen und zahlreiche Berichte von Männern (und Frauen!) gefunden, die Vulven/Cunnilingus abstoßend finden. Ich verstehe, dass Frauen das nicht gerne hören, aber Männer fühlen sich auch nicht super, wenn Frauen ihr Sperma ausspucken oder nicht mal in den Mund nehmen wollen. Das akzeptiert ihr aber. Mehr noch, ihr bestärkt die Frau von Nr. 38017 sogar darin. Diese Doppelmoral ist nicht okay.
Neulich las ich einen "Artikel" (eher eine Wutrede über die angeblich egoistischen Männer. Irgendwie eine bedenkliche Entwicklung, wenn man sich als Mann längst daran gewöhnt hat, ständig am Pranger zu stehen). Die Autorin bezog sich auf mehrere Befragungen. Eine besagte, dass mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer Oralsex gaben aber nicht bekamen (ca 25 zu 10%. Mir kommen die Zahlen auf beiden Seiten etwas niedrig vor, aber 10% wäre sehr weit unterhalb der Mehrheit). In einer anderen Studie gaben viele Männer UND(!) Frauen an, dass sie sich vor dem weiblichen Genitalbereich ekeln und Cunnilingus ekelerregender empfänden als Fellatio. Und jetzt mal ehrlich, wenn wir die Genitalien von Männern und Frauen vergleichen, könnt ihr das einfach nicht leugnen. Das ist nicht frauenfeindlich, sondern Anatomie.
Auf reddit habe ich auch einige Beiträge gelesen. Ein paar Auszüge: "the whole image of a vagina disgusts me. This has made me question my sexuality many times over the years, but I'm certain I'm just a straight guy who doesn't like the idea of a vagina." (800 Upvotes), "I’m a straight guy, but I find vaginas gross" (1000 Upvotes), "Visually, vaginas aren't what gets me going. Like just a picture of a vag isn't going to do much for me." (2000 Upvotes).
Bevor ihr jetzt sagt, das seien alles Frauenhasser: Sie wurden im Subreddit "Too afraid to ask" gestellt und sie fragten, ob mit ihnen etwas nicht stimmt und betonten auffällig, dass sie nicht schwul seien, sondern auf Frauen stehen. Viele Männer scheinen sich zu schämen und Angst zu haben, als schwul oder unmännlich zu gelten. Die Dunkelziffer ist also wahrscheinlich noch viel größer.
Das zeigt auch dieser Artikel: https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2018-03/oralsex-cunnilingus-frauen-schlafzimmerblick#
Sogar die Sexualtherapeutin Frau Eck schreibt, dass viele Männer und Frauen sich vor Vulven ekeln. Das schreibt sie sicher nicht, wenn es nur ganz wenige betrifft. In den Kommentaren wird der Fragesteller von vielen Männern mit Hohn und Spott überschüttet. Es springen ihm zwar auch nicht wenige Männer zur Seite, aber die meisten Kommentare sind spöttisch/widerlich (möchte nicht wissen, wie viele auf dicke Hose machen und dann den Schwanz bzw. die Zunge einziehen). Kein Wunder, dass viele Männer sich nicht trauen, zu ihrem Ekel zu stehen.
Auch von Frauen habe ich mehrfach gelesen, dass ihre Partner sich nicht revanchieren. Viele sagen, dass sie das Blasen sehr genießen und es sie total errege, aber es nicht wenige stört, nichts zurückzubekommen. Eine Frau z.B. schrieb, dass sie ihren Freund fast täglich oral befriedige und es genieße ("he has a wonderful penis"), aber dass er sich nie revanchiere. Als sie ihn ansprach, habe er zugegeben, dass er sich ekle (“sometimes it’s [die Vulva] gross”). Ich verstehe total, dass sie sich gekränkt fühlt, aber auch hier wurde der Mann in den Kommentaren angefeindet (von Frauen), die ihm Bodyshaming vorwarfen und der Frau rieten, die Beziehung zu beenden. Und natürlich das Mantra nach dem Motto "Deine Vulva ist nicht eklig. Mit dem Typen stimmt einfach was nicht." Ja, klar. Kämen so Aussagen von Männern über Frauen, die Sperma nicht schlucken wollen, wäre das Sexismus und toxische Männlichkeit, oder?
Dass auch ihr Doppelstandards je nach Geschlecht anlegt und eine Aussage tätigt, die nicht nur mit einer kleinen Auswahl an Beispielen vielfach widerlegt werden kann, sondern dazu beiträgt, Männer noch weiter zu verunsichern, sodass sie sich noch weniger trauen zu ihren Grenzen zu stehen, finde ich traurig. Ihr wisst viel besser als ich, unter welchen sexuellen Leistungsdruck Männer gesellschaftlich gesetzt werden.
Bodypositivity ist eine gute Sache, aber nicht, wenn sie ins total bizarre Gegenteil umschlägt. Diese Vulva-Glorifizierung ist ideologisch-manipulativ, leugnet den natürlichen Ekel (und nimmt damit genau genommen nicht mal Frauen und ihre eigenen Körperempfindungen ernst) und setzt Männer noch mehr unter Leistungsdruck ("Meine Vulva ist wunderschön. Was bist du für ein Versager, wenn du sie nicht lecken willst?").
Unsere Antwort
Dein erstes Schreiben diese Woche veröffentlichen wir nicht. Wir danken dir, dass du dich dafür entschuldigst. Du bist sehr emotional, und da hast du wohl deine ganz persönlichen Gründe.
Du schreibst, dass wir bei Männern und Frauen unterschiedliche Standards anlegen. Das entspricht nicht unseren Werten: Wir sind gegen Diskriminierung jeglicher Art. In unseren Online-Beratungen gehen wir direkt auf ganz spezifische Anliegen ein, da ist die Stossrichtung, die der*die Berater*in wählt, je nach Anliegen unterschiedlich.
Bei den Infotexten ist das eine andere Sache. Denn hier sprechen wir die allgemeine Leserschaft an. Wenn wir merken, dass ein Text so gelesen werden kann, dass Menschen in irgend einer Weise diskriminiert werden, überarbeiten wir sie. Nicht zuletzt dank deines kritischen Feedbacks sind unsere Texte über Cunnilingus und Fellatio derzeit in Überarbeitung, damit unsere Haltung noch klarer herüber kommt. Diese Haltung ist – unabhängig vom Geschlecht:
- Du musst keine sexuelle Handlung machen, die du nicht machen möchtest.
- Es ist okay, wenn du eine sexuelle Handlung nicht machen möchtest.
- Wenn es dich stört/frustriert, dass du sie nicht machen möchtest, oder wenn du wissen möchtest, wie die sexuelle Handlung dir mehr Spass machen kann, geben wir dir Tipps, wie du das umsetzen kannst.
Wenn du dich dafür interessierst, schau Ende Jahr nochmal über die Texte.
Du sprichst in deinen Anliegen nicht über dich selbst persönlich, sondern schliesst von dir auf die Allgemeinheit. Das ist Diskriminierung: Dein Bild von Frauen und Männern ist alles andere als wertschätzend, da sind die einen tendenziell Täterinnen, die anderen Opfer. Du sprichst anderen Menschen die Freiheit ab, anders zu sein, zu denken und zu empfinden als in deinem Bild. Ich finde das problematisch. Was hast du persönlich als Junge/Mann für Erfahrungen mit Mädchen/Frauen gemacht, das dir so einen bitteren Blick gegeben hat?
Du scheinst ziemlich darin investiert zu sein, dass Ekelgefühle gegenüber des Genitale in Stein gemeisselt sind. Das stimmt nicht: Ekel ist eine Emotion wie Angst oder Scham auch: Sie stehen uns zur Verfügung. Aber wann wir diese Emotion erleben und wie stark, ist situativ und hängt auch von unserer Haltung und Sozialisation ab. Anders gesagt: sie sind gelernt – und lernbar.
Genauso wie die Angst vor irgend einer Situation oder Aktivität überwunden werden kann, genauso wie übermässige Scham überwunden werden kann, so kann auch eine Ekelreaktion überwunden werden. Es ist sinnvoll, etwas dafür zu tun, diese Emotionen in den Griff zu bekommen, wenn sie unserem Glück störend im Weg stehen.
Ekel ist eine interessante Emotion. Ja, es gibt bestimmte Dinge, die sich für den Ekel eher anbieten. Dazu gehören auch Ausscheidungen und Körperflüssigkeiten, die den Körper einmal verlassen haben. Das macht evolutionsbiologisch tatsächlich Sinn, denn alles, was den Körper verlassen hat, ist verderblich und dann möglicherweise mal schnell voll Krankheitserreger. Das heisst, es wird potentiell gefährlich.
Und daher ist es ja auch so, dass die meisten von uns bestens umgehen können mit viel Spucke in ihrem Mund, aber sie würden nicht freiwillig einen Becher ihrer eigenen Spucke trinken. Viele von uns geniessen den Zungenkuss, aber sie hätten Mühe damit, die Spucke ihres Partners*ihrer Partnerin vom Tisch zu lecken. Sie lecken gern den Körper ihres Partners*ihrer Partnerin, auch wenn der nach Schweissabsonderungen schmeckt – aber sie würden den Schweiss nicht aus einer Tasse trinken wollen.
Hier spielt auch die schiere Menge eine Rolle. Wenn es tröpfelt wie der Ausfluss aus der Vagina oder das Lusttropfen des Penis, ist die Dosis klein. Wenn ein Mann oder eine Frau ejakuliert, ist die Menge grösser. Je mehr Flüssigkeit, desto gewöhnungsbedürftiger. Beim Oralverkehr erleben wir Flüssigkeiten direkt beim Austreten aus dem Körper – oder, wenn die Zunge in der Vagina ist, ähnlich wie beim Zungenkuss. Das gehört noch nicht in die Kategorie "Ausscheidungen, die den Körper verlassen haben". Das heisst, es ist nicht das gleiche, wie Ausfluss aus einer Tasse trinken.
Die Nähe des Genitale am After ist für viele eine Herausforderung. Die Reaktion der Mutter beim Wickeln des Mädchens kann sich dem Mädchen einprägen. Zeigt sie ihm, dass das ein liebenswerter Teil ihres Körpers ist? Oder verzieht sie das Gesicht und suggeriert ihm, dass er schmutzig ist? So beginnt die Sozialisation auf dem Wickeltisch: "Da unten ist schmutzig". Wenn man sich vor sexuellen Handlungen aber gewaschen hat, ist es sauber. Diese Einsicht hilft, den Ekel zu überwinden – so man das möchte.
Freilich findest du im Internet Zitate, die deine Ansichten zum Ekel unterstützen. Du nimmst sie aber aus dem Kontext, respektive zitierst nur das, was deine Postulate unterstreicht. Das tust du auch mit deinem Zitat in der Beratungskolumne meiner Kollegin Angelika Eck.
In dem von dir zitierten Artikel schreibt sie: "Kulturell sind wir nicht gerade auf Schmusekurs mit der Vulva getrimmt: Nicht nur für Jungs und Männer, sondern auch für Mädchen und Frauen ist das weibliche Geschlecht oft mit gemischten Gefühlen verbunden, löst Ekel aus und wird lieber nicht so ganz genau erkundet."
So weit, so richtig. Entscheidend ist aber dann das Fazit ihres Artikels, ganz am Schluss: "Beide Geschlechter brauchen daher oft einen Aneignungsprozess, einen allmählichen Übergang von Abstoßung über wertfreie Akzeptanz bis hin zu hoffentlich lustvoller Besetzung."
Kurz gesagt: Ekel ist an- und abtrainierbar. Wer Lust hat, sich den Ekel abzutrainieren und eine lustvolle Besetzung zu entwickeln: Es ist möglich. Aber wenn du das nicht möchtest, musst du das nicht. Ich zitiere dazu nochmal das Ende unserer letzten Antwort an dich: "Wenn du Oralverkehr eklig findest und auch weiterhin nichts dafür tun möchtest, dass du ihn schmackhafter findest, dann ist das dein Recht. Wenn du mit einer Frau zusammenkommst, kannst du ihr ganz einfach sagen, dass du diese Praktik nicht magst."
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