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Frage Nr. 40811 von 10.02.2026

40416 - Ich habe seit ein bis zwei Monaten Sexualität allein gefunden, die schön ist, ohne Gewalt, nicht wehtut, sondern mit Lust und Neugier zu tun hat. Ein Gefühl, meinen Körper zurückzubekommen.
Vor zwei Tagen war aber irgendwas und ich war stattdessen zurück in dem in unlogischer Aneinanderreihung kamen seine Sätze/ Bilder.
Bitte kürzen: [...]
Am Folgetag war ich nicht richtig da, es war, wie durch einen Sumpf zu waten, durch ganz viel Nebel hindurch zu versuchen, bei der Arbeit nicht aufzufallen. Am Abend hat der Körper unwillkürlich gezuckt/ gekrampft.
Ich war gleichgültig/ taub vorher, aber habe den Eindruck dass die Epstein files doch mehr mit mir machen. Es ist so häufig. Niemand wird zur Rechenschaft gezogen. Und immer noch empören sich Männer, wenn man diese Dinge (ausserhalb von dem konkreten Kontext sie zB dem Fall Pélicot) anspricht. Es wird so getan als seien es tragische Einzelfälle. Geglaubt wird den Betroffenen nicht. Folgen für die Täter hat es in der riesigen Mehrzahl nicht. Ich fühle mich demgegenüber machtlos. Es macht es auch nicht einfacher, mir selbst zu glauben/ mich ernst zu nehmen. Gerade fühle ich mich auch in meinem
Körper ekelhaft: es ist zu viel da. Zu viel Angriffsfläche, zu viel Sichtbares.
Ich fühle mich irgendwie mutlos gerade, weil Jahre an Therapie, aber richtig an das Thema komme ich nie, traut sich scheinbar niemand und ist wohl auch berechtigt mit dem Risiko der Destabilisierung. Aber es fühlt sich an als würde sich kaum etwas bewegen. Ich weiss nicht wie weiter.

Unsere Antwort

Wie schön, dass es dir gelungen ist, deinen Körper lustvoll und neugierig zu erkunden und erleben. Wir raten dir zum Weiterüben, trotz deiner aktuellen Mutlosigkeit und deinem verständlichen Ohnmachtsgefühl.

Du hast recht. Häufig wird Täterschaft nicht zur Verantwortung gezogen und bestraft. Es gibt immer noch Menschen und Institutionen, die Täterschaft mehr schützen als Opfer. Das kann aber nicht der Grund sein, dass du aufhörst zu lernen.

Du schreibst, dir ist die Erfahrung gelungen, dich ohne Gewaltanwendung sexuell zu erregen. Herzlichen Glückwunsch! Du merkst, dass du auf dem richtigen Weg bist. Nun ist (andauernde) Gewalterfahrung sehr prägend. Darum ändern sich die durch sie hervorgerufenen Gefühle und Verhaltensformen weder schnell noch leicht. Jede erarbeitete Änderung ist zunächst mal labil. Störungen, wie die genannten Medienberichte, können wie Trigger wirken. Alte Gefühle und Verhalten tauchen wieder auf. Es kann sich so anfühlen, als würden die Traumafolgen sich regelrecht an dich klammern. Lass dich dadurch nicht einschüchtern.

Du hast schon lange Therapie gemacht. Geh davon aus, dass du «richtig» an deinem Thema dran bist. Du kannst deine Situation sehr gut beschreiben. Du ahnst, dass Destabilisierung ein Risiko ist. Dir sind selbständig angenehme Körpererfahrungen gelungen. Das sind die «richtigen« Sachen. Du bist verständlicherweise ungeduldig. Ungeduld ist leider selten ein hilfreiches Gefühl. Sie lenkt deine Aufmerksamkeit auf Wünsche, deren Erfüllung in einer unbekannten Zukunft liegen. Deine Lebensrealität verliert dann an Wert. Deine Leistung, dein Einsatz, deine Mühe - alles umsonst. Wenn deine Ungeduld mithilft, deine Ziele im Auge zu behalten und Schritt für Schritt deinen Selbstwert aufzubauen, wäre sie nützlich. Es lohnt sich, zu akzeptieren, dass Heilung von komplexen Traumatisierungen lange dauert. Die Wunden brauchen zur Heilung viel Zuwendung, Verständnis und Fürsorge.

Also: wende dich wieder deinem Körper und deiner Sexualität zu. Es gibt nichts Wichtigeres als dich! Wenn dich die Medienberichte und die aktuellen gesellschaftlichen Realitäten wieder mutlos machen, such nach den Fortschritten. Die Epstein-Files werden z.B. veröffentlicht. Das war lange nicht sicher. Jetzt können wir uns alle empören und die Kraft nutzen, Veränderungen in Gang zu setzen. Mme Pélicot hat uns den Satz: «Die Scham muss die Seiten wechseln» geschenkt. Du kannst dich für den Satz einsetzen, indem du deine Scham gehen lässt. Dann kann sie den Weg auf die richtige Seite finden. Und du wirst dich ohne die Täterschafts-Scham auch anders fühlen. Auch hier müssen wir wohl alle akzeptieren, dass die gesellschaftlichen Veränderungen zum Wohl und zum Schutz der Opfer Zeit brauchen. Ungeduld hilft hier leider auch nicht. Mit Geduld dranbleiben hilft.

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