zu 39775
vielen lieben Dank für die ausführliche Antwort, es hat mich gefreut und ein wenig erleichtert. Der Vulvodynie Verein ist toll, aber vor allem auf fachliche Hilfe ausgerichtet. Auf die emotionalen und Beziehungsthemen wird leider nicht so eingegangen.
Mir war auch klar, dass die Podcasts für meine Situation nicht passend sind. Aber dennoch bennennen sie ja Tatsachen, die auch auf mich zutreffen: kein guter Sex bedeutet Beziehung leidet. Mein Partner ist schließlich gesund. Das ist ja eine Tatsache, dass es leider so ist. Sex unterscheidet Beziehung von bloßer Freundschaft.
Ihr fragt, warum ich mir eine Sexualtherapie wünschen würde? Naja, ich schaffe es nicht, mit meinem Partner zu sprechen. Ich habe Angst vor seiner Antwort... Seit Wochen nehme ich es mir vor es anzusprechen, und finde einfach keine Gelegenheit... Ich möchte lernen, meinen Wert als Beziehungspartnerin sehen zu können... ich möchte wieder dahin zurück, mich der Vulvina liebevoll zuwenden zu können wie am Anfang meiner Behandlung.... ich möchte Infos wie in dem Podcast, die aber auf meine Lebenssituation passen... ich möchte weg davon, meine Bedürfnisse zurückzustellen, um meine Krankheit wiedergutzumachen....
Ich habe viele Bücher gelesen... über Vulvodynie, über Beziehungen... und dennoch erreiche ich diese Ziele nicht....
Unsere Antwort
Danke, dass du nochmal geschrieben hast. Jetzt verstehe ich noch besser, worum es geht.
Wenn du dich in deiner Haut wohler fühlst und deine Sexualität zurückeroberst, dann fühlst du dich auch selbstbewusster. Es lohnt sich, hier zu investieren. Der Umgang mit Vulvodynie kann ein längerdauernder Prozess sein. Dafür ist es wichtig, dass du die richtigen Tools zur Verfügung hast. Du hast in der letzten Frage geschrieben, die Vulvodynie werde wieder schlechter. Und das, obwohl du seit Jahren eine entsprechende Therapie machst. Du kannst uns gern nochmal schreiben und genauer erklären, was du da bisher gemacht hast. Hast du mal eine Sexualtherapie nach Sexocorporel gemacht? Wir können dir eine solche Therapie sehr empfehlen.
Wenn es wirklich am Geld scheitert, können wir versuchen, dir online Hilfestellung zu geben. Du kannst zum Beispiel die folgenden Schritte ausprobieren und uns wieder schreiben, was du dabei erlebst:
Zuerst möchte ich dich bitten, diesen Text zu lesen. Es geht in dem Text darum, wie durch hohe Muskelspannung beim Sex Schmerzen gefördert werden können. Es ist wichtig, dass du die Logik dahinter verstehst. Hohe Muskelspannung fördert nicht nur Schmerzen, sondern unsere Muskeln spannen auch automatisch mehr an, wenn wir Schmerzen empfindet.
Wenn du oft Schmerzen empfindest, kann ein Schmerzgedächtnis entstehen. Unser Gehirn nimmt normalerweise alles mal ganz offen auf, was wir an Nervenstimulationen erfahren. Es bewertet es dann, und du erlebst es in der Folge in einer ganz bestimmten Qualität (zum Beispiel als angenehm oder unangenehm). Das ganze passiert in Bruchteilen von Sekunden. Wenn du nun in einer Region viele Schmerzen erlebt hast, ist dieser Ablauf verkürzt: Nervenstimulationen in dieser Region werden vom Gehirn nicht neu bewertet, sondern ganz automatisch der Kategorie "Schmerz" zugewiesen. Das kannst du aber auch wieder umlernen durch viele Wiederholungen.
Wenn ich therapeutisch mit dir arbeiten würde, würde ich dir Übungen zeigen, mit denen du die Durchblutung in deinem Geschlecht fördern kannst. Zum Beispeil diese Übungen der Beckenschaukel oder diese Übungen für die Beckenbodenmuskeln. Und ich würde dir empfehlen, sorgfältig mit Berührungen zu arbeiten. Das immer im bewegten Körper, mit Bauchatmung und lockerer Bewegung. Damit du locker bleibst und nicht in eine hohe Spannung rein kommst.
Achte bei den Berührungen mal darauf, welche Stellen sich neutral anfühlen, welche du gut anfassen kannst und welche eher kritisch sind. Bei den kritischen Stellen kannt du das Schmerzgedächtnis umtrainieren. Wenn du merkst, dass eine Stelle kritisch ist, berühre die direkt daneben liegenden Stellen. Verbinde auch diese Berührung mit der Bewegung deines Körpers. Dadurch beruhigst du dich und bringst dich in einen angenehmeren Zustand. Damit bringst du deinem Gehirn bei, dass etwas, das unmittelbar neben der Schmerzstelle ist, angenehm ist. Du kannst dann auch kurz die Stelle berühren, an der du Schmerzen empfindest. Anschliessend kehrst du zur angenehmen Stelle gleich daneben zurück. So lernt das Gehirn um. Es entdeckt: Es könnte sich ja auch anders anfühlen.
Wenn du Dilatoren in deine Vagina einführst, passiert das möglicherweise mit einem stillen Körper und in hoher Anspannung. Hier empfehle ich dir, das Objekt stillzuhalten und dein Becken so zu bewegen, dass du es mit der Vagina aufnimmst. Ich würde zunächst empfehlen, einen Finger mit deiner Vagina aufzunehmen. Du baust so eine bessere Beziehung zu deiner Vagina auf.
Du schreibst auch, dass es dir schwerfällt, mit deinem Partner darüber zu sprechen. Was ist es ganz konkret, das du ihm sagen möchtest? Schreib das doch einmal auf. Und dann schreibe auf, was seine Antwort sein könnte. Mit welchen Worten sagt er seine Antwort? Stelle dir deinen Freund genau vor, so wie du ihn kennst. Was wird ihm durch den Kopf gehen, und was wird er sagen? Und dann schreibe auf, wie du auf seine Antwort reagieren würdest. Du kannst das für dich aufschreiben oder es uns schreiben, wenn du möchtest.
Übrigens teile ich die Ansichten aus dem Podcast nicht. Das sind keine Tatsachen, die immer auf alle zutreffen. Es gibt viele Paare, die eine sehr glückliche und erfüllte Beziehung führen, auch wenn sie wenig oder gar keinen Sex haben. Und es ist auch nicht der Sex, der eine Beziehung von einer Freundschaft unterscheidet. Was eine Liebesbeziehung ausmacht, ist so individuell, wie die Beziehungen selbst. Für manche Paare kann das zum Beispiel die Entscheidung sein, viele Bereiche des Lebens miteinander zu teilen. Für andere Paare ist es die Liebe und Zuneigung, die sie für ihren Partner oder ihre Partnerin anders empfinden und die sich von der Zuneigung zu ihren Freund*innen unterscheidet. Überleg mal: Abgesehen vom Sex, was unterscheidet eure Beziehung von einer Freundschaft?
Zum Schluss möchte ich dir einfach noch einmal sagen, dass du jetzt schon in Ordnung bist, genauso wie du bist. Du musst nicht erst anders werden. Du bist auch jetzt schon eine wertvolle Beziehungspartnerin. Dein Partner würde das sicher bestätigen.
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