Stell deine Frage...

Frage Nr. 39921 von 21.06.2025

Hey Lilli-Team
Ich (30/m) möchte mich recht herzlich bedanken für die Antwort auf meine Frage 39596 vor ein paar Monaten. Es hat mir wirklich ein bisschen geholfen und ich konnte tatsächlich meine beiden englischen Bücher fertig lesen, eines davon hatte über 300 Seiten. Es war zwar immer etwas schwierig, aber insgesamt war es trotzdem eine gute Zeit in England. Ich habe auch sehr viel gelernt, jetzt nicht unbedingt englische Grammatik, eher vocabulary, kulturelle Dinge und was es so für gesellschaftliche Probleme gibt, z.B. das kaputtgesparte Gesundheitswesen (National health service).

Ich bin leider noch nicht wirklich dazu gekommen, mich um die neue Psychotherapie zu kümmern, es gibt überall auch lange Wartelisten. Letztes Wochenende bin ich nun wieder in die Schweiz zurückgekommen und leider haben sich viele meiner Befürchtungen und Ängste bestätigt. Zuhause war alles komplett überstellt mit leeren Pizzakartons, dreckigem Geschirr und leeren Weinflaschen. Auch war irgendjemand in meinem Zimmer, obwohl ich es extra abgeschlossen hatte, als ich wegging. Meine Mutter nahm am Tag meiner Rückkehr (mal wieder) nicht das Telefon ab und ich wusste zunächst nicht mal, wo sie genau steckt. Später stellte sich dann heraus, dass sie eine neue Affäre hat und mit ihm unterwegs war. Es kam dann direkt wieder zu einem heftigen Streit zwischen mir und meiner Mutter, weil ich ihr gesagt hatte, dass ich zu müde bin und jetzt einfach keine Lust habe, den ganzen Abfall in der Küche wegzuräumen, für den ich absolut nichts kann. Ich hab von ihr dann jede Menge Vorwürfe gehört, dass ich kein Geld verdienen würde, allen ständig nur Ärger verursache und nicht im Haushalt mithelfen würde etc. und es war dann auch schnell wieder die Rede davon, dass ich jetzt zu Hause rausgeworfen werden soll.

Das Ganze hat mich völlig fertig gemacht. Ich ging dann alleine im Wald spazieren und dann musste ich auch wieder lange weinen. Das Ganze hat eine richtige Negativspirale in Gang gesetzt, weil ein paar Tage später habe ich auch noch eine Absage bekommen für einen Job, für den ich eigentlich alle Voraussetzungen erfüllt hätte. Es hat auch niemand wirklich Zeit für mich, weil die ganzen Leute müssen ja arbeiten und so, was ich ja auch verstehen kann. Ich chatte manchmal auf Grindr mit anderen Boys, aber das sind eher oberflächliche Chats und sie schreiben mir auch relativ klar, dass sie einfach nur sex möchten und keine Beziehung. Ich hätte aber gerne einen richtigen Boyfriend. Ich fände es einfach cool, einen richtig süssen und netten Boyfriend zu haben. Dann wäre ich auch nicht mehr so schlimm vereinsamt. Keine Ahnung, ob es so einen Wunsch-Boyfriend überhaupt gibt. Ich weiss es nicht. Im Moment hab ich jedenfalls richtig das Gefühl, dass mich eigentlich niemand wirklich mag.

Ich fühl mich wie gelähmt und sehr erschöpft. Wenn ich meine Mails anschaue, hab ich immer Angst, dass eine neue Absage kommt. Zuhause habe ich ständig Angst, rausgeworfen zu werden. Und bei den Chats mit den anderen schwulen Jungs hab ich Angst, einen Korb zu bekommen. Mein Alltag besteht nur noch aus Musik hören und stundenlangen Spaziergängen im Wald. Und dann hirne ich stundenlang darüber nach, was ich in meinem Leben schon alles falsch gemacht habe und was ich alles hätte besser machen müssen. Ich bin damit völlig überfordert, wenn man gleichzeitig einen Boyfriend, einen Job und eine eigene Wohnung suchen muss. Und ich bin auch wütend auf die Leute aus meiner Familie und auf meine Nachbarn, weil die nicht erkennen, dass ich Unterstützung benötige und stattdessen lieber unpassende Kommentare machen. Diese Leute sind auch alle ziemlich ungebildet irgendwie, zB. von internationalen Angelegenheiten haben die fast keine Ahnung und ihre Englisch-Aussprache ist absolut falsch, sie sagen z.B. "Iron Man" anstatt korrekt "Ion Man" ohne das R.

Habt Ihr einen Tipp für mich, wie ich mich von den momentan leider sehr negativen Situationen und den fiesen Kommentaren besser abgrenzen kann? Was kann ich gegen meine Vereinsamung tun? Habt Ihr einen guten Tipp für die Sache mit den Boys? Ich bin leider sehr schüchtern, und würde mich nur schwer getrauen andere junge Männer auf der Strasse einfach so anzusprechen, vor allem muss man da ja auch zuerst mal herausfinden, ob sie auch wirklich schwul sind oder nicht. In der Sprachschule gab es jemanden von dem ich dachte, dass er schwul sein könnte. Ich habe mich aber nie getraut, ihn wirklich anzusprechen. Irgendwann sprach er dann einfach mich an und outete sich direkt als schwul, dabei kam dann aber raus, dass er schon einen boyfriend in seinem Heimatland hat. Also mein Instinkt war offenbar richtig.

Unsere Antwort

In unserer letzten Antwort hatten wir dir dringend zu einer Psychotherapie geraten, damit du mit den vielen schwierigen Gefühlen nicht allein fertig werden musst. Wenn du jetzt merkst, dass lange Wartefristen gelten, empfehlen wir dir dringend, dich auf eine Warteliste setzen zu lassen. Sonst bekommst du ja nie einen Platz.

Du bist von deiner Familie und den Nachbarn enttäuscht, dass sie dir keine Hilfe anbieten. Vielleicht findest du für die spezielle Problematik mit deiner Mutter andere Stellen, die dich unterstützen können. Wenn ich dich richtig verstehe, ist sie psychisch krank. Für Angehörige psychisch kranker Eltern gibt es etliche Selbsthilfegruppen (z.B. VASK oder angehoerige.ch), die einen geschützten Rahmen für Austausch und gegenseitige Unterstützung bieten. Pro Mente Sana hat eine kostenlose psychosoziale und juristische Beratung für Angehörige. Und auch bei Pro Familia gibt es Hilfsangebote.

Grundsätzlich bleiben wir der Meinung, dass du psychotherapeutische oder beraterische Unterstützung brauchst. Du nimmst dir selbst zu viel übel, weisst schon, dass du dich nicht getraust einen jungen Mann anzusprechen und sprichst davon, dass du total vereinsamst. Zudem musst du dich um Jobs bewerben und brauchst eine Wohnung. Das sind viele Fragestellungen. Mit einer professionellen Hilfe würdest du wahrscheinlich schneller Antworten finden.

Allein und auf dich selbst gestellt solltest du unbedingt Selbstwertschätzung üben. Lies nochmal den letzten Absatz unserer letzten Antwort. Da bitten wir dich bereits, nicht zu meckern, sondern dich hartnäckig wertzuschätzen. Unsere letzte Antwort hat dir teilweise geholfen. Mach sie nochmals wirksam für dich. Vielleicht helfen dir unsere Texte «Ich bin zu schüchtern zum Daten» und «Wie werde ich beim Daten selbstsicherer» weiter.

Schau dir mehr Antworten und Infotexte an zum Thema