Heute beim Essen bei meiner Mutter habe ich folgende Beobachtung gemacht:
Ich habe etwas gegessen, was es früher häufig gab und das ich als Kind nicht sehr mochte. Meine Mutter war beim Essen teilweise abwesend oder hat nicht wirklich mitgegessen. Sie hat dann eher Sachen gepickt oder wenig gegessen oder dann wieder viel. Sie war vermutlich auch emotional sehr oft abwesend. Sie seufzt sehr oft. Ich habe heute gemerkt, wie belastet sie ist. Ich habe aber auch gemerkt, was das mit mir gemacht hat. Ich habe das Gefühl ich war wie abgestellt oder nicht ganz da. Ich hatte als Kind/Jugendliche auch häufig Mühe mich zu konzentrieren. Ich habe gerade das Gefühl etwas von der Schwere meiner Mutter mitzutragen. Meine Mutter hatte eine schwierige Kindheit und vermutlich Depressionen. Sie musste sich früher häufig zurückziehen und war vermutlich auch überfordert. Ich kann mich nicht an längere Zeit erinnern, an der sie unbeschwert war. Kann es sein, dass ich ihr Leid mit mir mittrage?
Danke für eure Hilfe!
Unsere Antwort
Natürlich beeinflussen deine Eltern deine Gefühlswelt. Sie sind deine ersten Lehrer*innen. Wie sie gedacht und gefühlt haben und wie sie dich behandelt haben, hat dein Gefühl von Normalität geprägt. Im Laufe deiner Kindheit und Jugend kamen dann Prägungen aus der Schule und aus freundschaftlichen Beziehungen dazu. Die ‚Elternwelt‘ wird durch diese äusseren Einflüsse ergänzt. Die äusseren Einflüsse helfen bei der Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit. Bindungen an die Ursprungsfamilie bleiben aber bestehen. Du kennst sicher Aussagen wie ‚den Humor habe ich von meinem Vater‘, ‚mein Lebensmut kommt von meiner Grossmutter‘ etc. Das gilt natürlich auch für die Belastungen. In diesem Sinn trägst du das Leid deiner Mutter mit. Du hast dich jetzt bereits auf den Weg gemacht, das ‚emotionale Erbe‘ deiner Mutter zu studieren. Du erinnerst dich an die innere Abwesenheit deiner Mutter und gehst deinem Gefühl des Abgestelltseins nach. Dabei merkst du, wie sich Abgestelltsein auf deine Konzentrationsfähigkeit auswirkte. Und mit dem ganzen Prozess des Erinnerns und Nachfühlens, fühlst du dich schwer. Wenn du deine Gefühle in einem biografischen Zusammenhang sehen kannst, wirst du dich besser verstehen. Und dann kannst du deine Gefühle und dein Verhalten beeinflussen. Was tut dir gut, wenn du die mütterliche Schwere in dir wahrnimmst? Brauchst du Bewegung? Nützt dir Musik? Hilft Zusammensein mit Freund*innen? Möchtest du reden?
Es ist der normale kindliche Entwicklungsweg von Eltern zu lernen und die Elternwelt durch neues Lernen zu erweitern. Dazu gehören auch die Verarbeitung der belastenden und traumatisierenden Erfahrungen, die die Eltern nicht selbst verarbeitet haben. Diese Weitergabe wird heute als transgenerationales Trauma bezeichnet. Wenn du dich mehr mit dem Thema beschäftigen willst, findest du dazu sehr viel Literatur.
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