Stell deine Frage...

Frage Nr. 41267 von 31.05.2026

Für mich (w) war physische und psychische Gewalt zuhause ziemlich alltäglich und es kam zu sexualisierten Grenzüberschreitungen. Eigentlich komme ich damit weitgehend klar, aber ich habe ein Problem, das mich immer wieder belastet und für das ich mich sehr schäme. In regelmäßigen Abständen empfinde ich einen enormen inneren Druck mich mit ähnlichen gewaltvollen Themen zu befassen wie ich sie erlebt habe. Dann lese ich Berichte von betroffenen Personen über ihr Erleben oder sehe mir z.B. Dokumentationen dazu an. Das löst jedes Mal natürlich die schmerzhaften Emotionen und oft auch körperliche Zustände und Erinnerungen aus. Das schlimmste daran ist für mich, dass ich es nicht schaffe dieses Verhalten dauerhaft abzustellen. Ich kann mit viel Willenskraft dagegen ankämpfen, aber dann wird der Druck immer größer und irgendwann halte ich es nicht mehr aus. Ich habe schon versucht herauszufinden, wodurch dieser Zwang entsteht, aber ich weiß es nicht und kann keinen Auslöser dafür festmachen. Oft passiert das eigentlich leider in ruhigeren Momenten, wenn ich z.B. Urlaub habe. So verrückt es auch klingt, aber dieser innere Druck wird weniger, nachdem ich durch die schlimmen Emotionen und Zustände durch bin und ich spüre durch die Gefühle dann in dem Moment ganz kurz, wie das früher war. Ansonst habe ich dazu meistens zum Glück genug Abstand. Ich möchte, dass dieser Zwang aufhört, weil es sich für mich verrückt und schlimm anfühlt. Ich habe im Internet schon gesucht, aber nichts dazu gefunden. Im Gegenteil man kann nachlesen, dass normale Menschen Trigger und Erinnerungen an solche Erlebnisse um jeden Preis vermeiden. Dadurch fühle ich mich noch schlechter und schäme mich wirklich. Ich denke, andere Leute können das gar nicht nachvollziehen und ich kann mich auch selbst nicht verstehen, warum das immer wieder passiert. Was kann ich tun, damit das aufhört? Gibt es eine psychologische Erklärung dafür?

Unsere Antwort

Du beschreibst deine innere Befindlichkeit sehr eindrücklich. Gewalterfahrung ist sehr prägend. Die Körpererfahrungen und die Gefühle sind sehr intensiv. Oft ist es überhaupt nicht einfach, Situationen, die nicht so intensiv sind, auszuhalten. Du merkst das selbst: Urlaub, Entspannung, Ruhezeiten lassen dich wahrscheinlich eine Leere fühlen, die nicht angenehm ist. Füllen kannst du sie mit der kontrollierten Rückkehr in deine Kindheit. Du liest Bücher von betroffenen, schaust dir Dokumentationen an und erlebst so die alten körperlichen und emotionalen Zustände. Das füllt dich dann wieder aus. Wenn es genug ist, lässt der Druck nach. Im Grunde hast du einen guten Weg gefunden, die überwältigenden Erinnerungen zu kontrollieren. In Psychotherapien geht man ja ähnlich vor. Die traumatisierenden Erlebnisse sollen so verabreitet werden, dass die gewalttätige Vergangenheit sich tatsächlich wie überlebt und vergangen anfühlt. Damit werden dann Trigger weniger wirksam. 

Wenn du dich von deiner Vergangenheit verabschieden willst, hör auf gegen dich selbst zu kämpfen. Druck erzeugt Gegendruck. Dabei kannst du die Folgen deiner Gewalterfahrungen kontrollieren. Das ist doch gut. Du bist anscheinend noch keine Spezialistin für den Genuss an Ruhe oder Freude an Urlaub. Du könntest dich darum auf die Suche machen, wie du den Weg aus belasteten Zeiten in die friedliche Ruhe des Urlaubs gestaltest. Mir scheint, dass du dich mit einer Stressbelastung wohler fühlst als ohne. Dann bist du ausgefüllt. Erwarte an Wochenden oder am Urlaubsbeginn nicht, dass dir sofort Genuss gelingt. Wenn du dich nicht aktiv beschäftigst, kommen wahrscheinlich die gewaltvollen Themen von früher. Könntest du Sport machen? Etwas mit Anderen unternehmen? Du müsstest beobachten, mit welcher Aktivität du deinen inneren Druck auffangen und gestalten kannst, so dass ruhige Zeiten erträglich oder sogar genussvoll werden.

Schau dir mehr Antworten und Infotexte an zum Thema