Vielen Dank für euere Antwort zu Frage Nr. 41565.
— Ich denke, dass auch emotionale Nähe schwierig ist: Ich habe eine gute Freundin, ansonsten wenig Menschen. Ich habe grosse Angst, anderen zu viel zuzumuten, wenn ich von mir erzähle. Einfach, weil ich eine schwere Vorgeschichte habe und viel Themen da sind, die auch andere belasten können.
— Körperliche Nähe: Ich habe alle eure aufgeführten Beispiele gemeint und nichts davon bisher mit jemandem erlebt. Auch in platonischen Beziehungen fällt mir Berührung schwer: Ich habe schnell Angst, übergriffig zu sein, bzw dass es der anderen Person unangenehm ist. Selbst finde ich es manchmal schön, aber oft löst es auch Angst aus. Sexualität mit einer anderen Person löst auch Sorge vor Flashbacks aus. Ich habe verschiedene Körpertherapien gemacht/ mache ich immer noch und Nähe/ Berührung/ auf dem Rücken liegen können triggern (Intrusionen, Flashbacks, Dissoziation, Erschrecken).
— Tatsächlich bin ich beim Punkt Selbstbefriedigung weitergekommen im letzten Jahr: Vorher war es sehr schlimm mit Gewaltphantasien, Ekel, Scham, Flashbacks etc. Jetzt kann ich es auch geniessen, liebevoll und lustvoll sein.
— Ich habe nicht mehr ganz so ein schlimmes Verhältnis zum Körper wie früher. Ich bin öfter auch neutral dazu. Schwoerigkeiten/ Frustrationen entstehen durch Schmerzen (ich habe eine Hypermobilitätsspektrumsstörung und damit verbunden idR immer mehrere Gelenke mit Problemen) Ich gehe oft über meine Grenzen mit Sport. Körperpflege/ Hygiene sind glücklicherweise nicht mehr so schwierig.
Ich war mittlerweile bei einer Therapeutin zum Vorgespräch. Die Realität ist einfach, dass die Plätze sehr begrenzt sind und ich deshalb wenig Auswahl habe. Ich habe Sorge, wieder sehr viel Energie in das Kennenlernen zu geben, meine lange Geschichte mitzuteilen, mich zu erklären, um dann nach 1-1.5 Jahren zu merken, dass es nicht hilfreich war. Auch das Thema, dass so viele (Trauma-)Therapeut:innen sich gar nicht an die Sexualität trauen. Auch oft nichtmal an die Kernthemen, weil sie glauben, erst noch länger stabilisieren zu müssen. Ich verstehe das einerseits, andererseits geht mein Leben Jahr für Jahr vorbei und ich möchte nicht bis zum Ende nur stabilisieren, nur weil ich „komplex“ bin. Da hörte es bisher immer auf: Fokus auf Stabilität. Ich wünsche mir aber auch Lust und Freude am Leben. Nur weiss ich nicht, wie ich dazu komme, insbesondere wenn Fachpersonen mir bisher nicht damit helfen konnten (am ehesten noch Körpertherapien wie Shiatsu und neu etwas im Bereich von Somatic Experiencing, die ich ausprobiert habe)
Unsere Antwort
Vielen Dank für deine Rückmeldung. Das hilft mir, ein etwas klareres Bild zu bekommen.
Was ich lese, zeigt mir, dass du auf deinem Weg schon weit gekommen bist. Es ist eine bewundernswerte Entwicklung, dass du Selbstbefriedigung mittlerweile liebevoll und lustvoll geniessen kannst. Du hast da bereits viel geschafft. Das hat sicher viel von dir abverlangt und du bist dran geblieben. Bleib da weiterhin dran. So kannst du dir eine stabile Basis bauen für Begegnungen mit anderen Menschen. Falls du dir an der ein oder anderen Stelle spezifische Unterstützung wünschst, melde dich gern.
Du hast eine gute Freundin. Es ist ein gutes Zeichen, dass du eine stabile und tiefe Freundschaft hast. Auch hier kann für dich ein Experimentierfeld entstehen, wo du dich ein bisschen trauen kannst und hinterher fragen, wie es war. Schau mal, ob du da Lust drauf hast.
Ich lese auch, dass du deine Trigger und Ängste beschreiben kannst. Die Frage schließt sich an: Was dann? Es wäre wohl hilfreich, wenn du an genau diesen Stellen mehr Handlungsspielräume erleben könntest. Dafür lege ich dir sehr das Buch "Das Lächeln der Freiheit" von Paul Linden ans Herz. Darin erfährst du viele Körperübungen, die dir helfen, dich stark zu fühlen statt wehrlos. Basierend auf deinem bisherigen Interesse an Körpertherapien und an fordernder statt nur stabilisierender Traumaarbeit, halte ich den Ansatz für geeignet. Schau aber selbst, ob es für dich passt. Ich bin interessiert an deinen Eindrücken. Es handelt sich dabei um einen pädagogischen Ansatz - es ersetzt keine Therapie. In deinem Fall wäre es wahrscheinlich sinnvoll, du hättest therapeutische Begleitung parallel zur Arbeit mit dem Ansatz von Paul Linden.
Ich gehe ganz einig mit dir, dass du zum aktuellen Zeitpunkt nicht irgendeine Therapie brauchst, sondern eine, dir für dich das passende liefert. Bei mir verfestigt sich durch deine weitere Beschreibung der Eindruck, dass du bei einer Fachperson gut aufgehoben wärst, die sowohl traumatherapeutisch als auch sexualtherapeutisch ausgebildet ist. Und du brauchst eine Person, die den Mut aufbringt, dich zu fordern mit dem Ziel, dir ein leichteres Leben zu ermöglichen. Solche Fachpersonen gibt es und es lohnt sich, dir für die Suche Zeit zu nehmen. Einerseits brauchst du Klarheit darüber, was du genau willst. Und dann die Bereitschaft dich erst zufrieden zu geben, wenn du so eine Person für dich gefunden hast. Gleichzeitig übst du dabei, dich selbst wirklich ernst zu nehmen.
Die Sache mit der Stabilisierung interessiert mich bei dir. Lust und Freude am Leben kann durchaus ein Resultat von stabilisierender psychotherapeutischer Arbeit sein. Was hast du erlebt?
Du machst die Erfahrung, dass Shiatsu hilfreich ist und etwas im Bereich Somatic Experiencing auch. Vertraue auf dieses Gefühl von Stimmigkeit. Was ist dabei anders als bei der stabilisierenden Arbeit?
Ich denke, die erneute Therapeut*innensuche ist zur Zeit ein wichtiger Schritt bei dir. Ich wünsche dir, dass du die Energie dafür aufbringen kannst. Eine Hilfestellung für dich für die Zeit der Suche und des Kennenlernens könnte sein, dass du die wichtigsten Aspekte deiner Geschichte aufschreibst und mitbringst. Denn es ist in der Tat belastend, traumatische Inhalte wieder und wieder zu erzählen. Das wissen auch Therapeut*innen.
Welche Dinge könntest du bereits vorab in einem Telefonat klären, um deine Zeit nicht zu vergeuden?
Was möchtest du genau statt Stabilisierung? Könntest du das in 2-3 Sätze fassen? Je klarer du das hast, umso leichter fällt dir die Auswahl von Therapeut*innen, die für dich die passende Unterstützung im Angebot haben. Was wäre anders nach einer gelungenen Therapie? Woran genau würdest du das bemerken, dass es jetzt besser ist als vorher?
Bei Traumabearbeitung ist die Dosis tatsächlich sehr entscheidend. Und es ist Teil des professionellen Handelns vor der Traumabearbeitung Stabilität herzustellen. Natürlich weiß ich nicht, wie das in deinem Fall genau abgelaufen ist. Dein inneres Gefühl sagt dir offenbar deutlich, du brauchst zum aktuellen Zeitpunkt eine Fachperson, die bereit ist, dir Entwicklung zuzumuten. Stabilisierende Arbeit ist dir zu wenig. Ich halte es für wichtig, dass du genau das ansprichst im Kontakt mit Therapeut*innen, die in Frage kommen.
Die wichtigsten Entwicklungen während einer Therapie erfolgen in der Regel außerhalb des Therapieraums in deinem echten Leben basierend auf den Entscheidungen, die du anders triffst als bisher. Du hast da also ganz vieles selbst in der Hand und bist aktiv beteiligt an deinem Therapieverlauf. Fachpersonen unterstützen dich dabei und haben wertvolle Beiträge, wenn du selbst nicht weiterkommst. Letztendlich geht es aber darum, dass in deinem Inneren etwas in Bewegung kommt, und somit in deiner Gefühlswelt, deinem Verhalten und deinen Interaktionen mit anderen. Das sind Dinge, die nur du in der Hand hast. Von außen können Therapeut*innen nur Impulse geben und du kannst sie annehmen oder verwerfen. Manchmal passen die Impulse nicht für dich und das ist okay. Wie blickst du darauf?
Ich würde mich freuen, weiter von dir zu hören und dich zu begleiten, wenn du das möchtest. Du kannst uns einfach wieder schreiben.
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