Liebes Lilli-Team
Ich weiss nicht, wie ich das angehen kann. Mein Geburtstag steht an, ich bin kurz vor 30. Ich war noch nie in einer romantischen Beziehung, noch nie verliebt (glaube ich), keine körperliche Intimität gelebt etc.
Es gab viele Jahre wo es mir psychisch sehr schlecht ging, mit einem Anteil davon aufgrund u.a. sexualisierter Gewalt in der Kindheit. Ich denke, dass das auch einen Einfluss hat darauf, aber ich weiss natürlich nicht, wie es mit einem anderen Start ins Leben aussehen würde bzgl Liebe/ Beziehungen etc. Ehrlich gesagt verstehe ich aber auch nicht ganz genau, woran es liegt. Ich vermeide es nicht „aktiv“ Menschen kennenzulernen oder mich zu verlieben.
Eine Hypothese von mir ist, dass mein eigener Ekel vor mir und tiefer Selbstwert sich wie eine einerseits schützende, andererseits aber auch isolierende Schicht um mich auswirken. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass jemand mich lieben könnte oder körperliche Nähe zu mir wollen würde (aus Zuneigung und nicht aus reiner Triebbefriedigung oder Machtausübung).
Aber wie komme ich dahin, dass so etwas möglich wird (Beziehung, Liebe)? Ich möchte es gerne, aber weiss nicht, woran ich dafür arbeiten muss.
Ich schäme mich auch für meine Unerfahrenheit. Auch eine Schwierigkeit ist, dass ich vermute lesbisch zu sein (kann es schlecht wissen, da keine Erfahrung, aber es gab flinta, von denen ich mich angezogen fühle, um die ich mich anders fühle, ein Flattern habe usw) und die lesbische Community scheint mir noch schwerer einen Zugang zu finden.
Ich hatte für andere psychische Probleme (Depression, Anorexie) in der Vergangenheit Hilfe, aber bzgl „Trauma“ konnte ich noch niemanden finden, der sich mit mir dranwagt. Und gerade auch bzgl Queerness habe ich Angst vor homophoben Therapeut:innen und auch eine Gewisse Scheu/ Scham meine vermutete sexuelle Orientierung so zu besprechen. Ich weiss ja auch nicht, ob Traumatherapie tatsächlich irgendwas an meiner Situation im Hinblick auf Intimität/ Liebe ändern würde.
Unsere Antwort
Erstmal möchte ich anerkennen, dass die vielen Jahre, in denen es dir psychisch sehr schlecht ging, hinter dir liegen. Da hast du also schon einiges bearbeitet und geschafft. Es ist ein gutes Zeichen, dass dein Wunsch nach Beziehung und Nähe sich klar und deutlich meldet. Nur Mut, auch da wirst du Entwicklungsschritte machen.
Auch wenn diese Einsicht schmerzlich ist: Du kannst davon ausgehen, dass du anders durchs Leben gehen würdest, wenn du andere Startbedingungen gehabt hättest. Gewalterfahrungen in der Kindheit können großen Einfluss nehmen auf den Selbstwert und das Eingehen und das Gestalten von Beziehungen. Die gute Nachricht ist, dass diese Auswirkungen zu großen Teilen behandelbar sind. Niemand wird das Geschehene ungeschehen machen, aber deine Zukunft kann freier sein. Für diese freiere Zukunft integriert man (mit therapeutischer Hilfe) die Vergangenheit. Du wirst sie nicht los, aber sie wird ein sauber einsortierter Teil deiner Geschichte. Und dann bestimmst du umso mehr, wo es langgeht. Und nicht das, was dir passiert ist. Gleichzeitig entwickeln Menschen, die Gewalt erlebt haben, häufig ganz besondere Stärken. Sei also neben den Beeinträchtigungen auch aufmerksam dafür, was du aufgrund deiner Geschichte ganz besonders gut kannst.
Es ist mutig, sich auf emotionale und körperliche Nähe einzulassen. Und daher ist es auch verständlich, Angst davor zu haben. Gleichzeitig sind wir Menschen soziale Wesen und brauchen das Eingebundensein in eine Gemeinschaft. Ich finde daher, dass dein Bild sehr passend ist. Das Bild von einer schützenden und zugleich isolierenden Schicht um dich herum. Da kommt natürlich die Frage auf: Wie geht Schutz und Verbundenheit?
Ich bin interessiert daran, genauer zu verstehen, was dich hindert und wohin du möchtest. Das kann dir auch helfen, falls du dich für weitere therapeutische Unterstützung entscheidest.
Hast du Angst vor emotionaler Nähe? Oder hast du Angst vor Sexualität?
Emotionale Nähe geht auch ohne Sexualität – wäre das etwas, was für dich gut geht? Das sind zum Beispiel gute Freund*innen. Machen dir Freundschaften Mühe? Fällt es dir leicht, Sachen von dir erzählen? Wie sieht es aus mit Leuten vertrauen? Ist das ein Thema? Für ein größeres Wohlgefühl mit emotionaler Nähe, wünsche ich dir eine für dich passende traumatherapeutische Fachperson an deiner Seite. Da sind die Beratungsstellen der Opferhilfe eine sehr gute erste Anlaufstelle.
Oder ist es vor allem Angst vor der körperlichen Nähe und vor der Sexualität? Du schreibst, es gab bisher keine körperliche Intimität. Das kann vieles sein. Was meinst du damit genau? Umarmungen, Küsschen geben, Kuscheln, Küssen, Streicheln, nackt sein miteinander, sich gegenseitig am Geschlecht berühren... Wie ist es, wenn du Sex mit dir allein hast? Machst du Selbstbefriedigung? Gibt es dabei gewaltvolle Fantasien? Kennst du sexuelle Befriedigung? Unabhängig von sexuellen Traumatisierungen ist eine befriedigende Sexualität für viele Frauen ein Thema. Das muss also keinen Zusammenhang haben. Aber eine befriedigende Sexualität aufzubauen, hilft dir, dich auf sexuelle Begegnungen mit anderen Menschen zu freuen.
Wenn die Angst vor der Sexualität zutrifft, dann empfehle ich dir eine Sexualtherapie nach Sexocorporel, weil dabei das Verhältnis zum Körper zentral ist. Dabei ist das Ziel, dass du selber stark wirst als Frau in deinem sexuellen Körper. Du kannst ein Gespür dafür entwickeln, dass dein Körper Lust und Genuss erleben kann und du aus diesem Grund die sexuelle Begegnung mit anderen suchst. So setzt du der Vorstellung, der andere gebraucht dich für Sex etwas kraftvolles und lustvolles entgegen. Das wäre Ziel der Sexualtherapie.
Auch wenn es eine Verbindung von beidem ist, halte ich es für wichtig, dich sexuell zu ermächtigen. Sobald die emotionale Komponente oder Flashbacks im Vordergrund stehen, empfehle ich dir eine Traumatherapie bei einer geeigneten Fachperson, der du vertraust. Vielleicht findest du auch jemanden, der beides macht: Sexualtherapie und Traumatherapie. Mit unseren Übungen kannst du bezogen auf die Sexualität auch schon einiges machen.
Nach einer Traumatisierung im sexuellen Bereich, sind Opfergefühle und ein Gefühl von Ausgeliefertsein in der Sexualität häufig. Umso wichtiger ist es, dass du dich in deiner Sexualität aktiv bewegst. Wichtig wäre aus unserer Sicht auf jeden Fall, dass bei der Therapie nach sexualisierter Gewalt die Sexualität nicht ausgespart wird. Es ist nämlich ganz entscheidend, dir dabei zu helfen, dass du eine selbstwirksame Genussholerin bist. Du bist diejenige, die sagt, wo es langgeht und übernimmst die Führung in der sexuellen Begegnung – egal ob mit Männern oder Frauen.
Wie ist denn generell dein Verhältnis zu deinem Körper? Fühlst du dich wohl in deiner Haut? Pflegst und achtest du deinen Körper? Da du eine Anorexie hattest, liegt für mich die Vermutung nahe, dass der Körper eher ein mühsiges Thema ist. Aber gib gern Bescheid, falls das für dich ganz anders ist.
Zu deiner Sorge vor homophoben Therapeut*innen: Für dich ist es ganz wichtig, überzeugt davon zu sein, dass deine sexuelle Orientierung nicht Gegenstand der Therapie ist. Und das bei Bedarf auch gegen Therapeut*innen zu vertreten. Das bedeutet, es darf nicht darum gehen, dich durch die Therapie hetero zu machen. Was hingegen aufkommen kann, sind weitere Verunsicherungen im Verlauf der Therapie darüber, auf welches Geschlecht du stehst. Oder auch eine sich abzeichnende Klarheit. Und egal, wie die Therapeut*innen draufblicken, bist du okay ob nun hetero, lesbisch oder bi. Vielleicht wäre es eine Idee, dass du dir 2-3 Dinge notierst, die dir wichtig sind über deine*n zukünftigen Therapeut*in in Erfahrung zu bringen beim Erstgespräch. So kannst du die wichtigsten Dinge schonmal abchecken und an Vertrauen gewinnen.
Unser Fragefenster hat jetzt Sommerpause. Ich hoffe, du kannst mit den Anregungen erstmal etwas anfangen. Scheu dich nicht, uns nach der Sommerpause wieder zu schreiben, falls es noch etwas gibt. Bitte gib dann die Nummer dieser Frage an. Für alles, was du in der Zwischenzeit angehst, wünsche ich dir alles Gute.
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