Hallo, ich schreibe euch, weil ich in einer Gedankenspirale feststecke. Ich masturbiere 1-2 mal pro Woche abends vor dem Schlafen zu Pornos und fühle mich danach jedes Mal 'unrein' und wie ein schlechter Mensch. Das Schlimmste ist der Vergleich mit meinem Bruder mit dem ich zuhause wohne. Ich bilde mir ein, dass er so etwas nie tun würde und fühle mich ihm gegenüber minderwertig. Sonst reden wir in der Familie nie darüber wir sind christlich. Ich habe Angst, dass unsere ganze Beziehung kaputtgeht wenn es auffliegt, nur weil ich diese Bedürfnisse habe. Wie kann ich aufhören, mich so fertig zu machen? Ich habe am nächsten Tag Schuldgefühle in sozialen Situation auch mit Freunden und bei der Arbeit und kann andere Leute nicht lange in die Augen schauen.
Unsere Antwort
Du bist kein schlechter Mensch und auch nicht unrein. Du schämst dich für Selbstbefriedigung. Scham ist für viele Menschen eins der unangenehmsten Gefühle. Das geht so richtig an die Nieren, und man will im Boden versinken. Die Scham will uns dabei helfen, dass unsere persönlichen Grenzen geschützt werden und dass wir uns nicht auf eine Weise benehmen, wegen der wir Probleme kriegen können. Also genau das, was du beschreibst.
Du kannst davon ausgehen, dass alle deine Familienmitglieder Selbstbefriedigung und sexuelle Handlungen gut verbergen, wenn sie welche machen. Das macht ja auch Sinn, wenn alle sich dafür schämen. Und es ist für euer Zusammenleben ja auch dienlich, wenn ihr alle eure Privatsphäre habt und nicht alles voneinander mitbekommt. Möglicherweise denken deine Familienmitglieder über dich ebenso, dass du niemals Selbstbefriedigung machen würdest. So wie du es über deinen Bruder denkst. Es ist schlicht etwas, was ihr nicht übereinander wisst. Du kannst dir aber sicher sein, dass dein Bedürfnis in Ordnung ist. Es ist okay, dass du Selbstbefriedigung machst und das darf dir auch niemand verbieten, solange du es an einem geschützten Ort machst.
Die Verbindung Scham und Selbstbefriedigung mag naheliegen, weil diese Einstellung in unserem christlichen Kulturkreis weit verbreitet ist. Es ist aber nur ein mögliches Gefühl rund um Selbstbefriedigung. Andere mögliche Gefühle sind Genuss, Freude, Entspannung...
Jedes Gefühl machst du in deinem Körper. Da du dich schon häufig rund um die Selbstbefriedigung geschämt hast, kommt dir dieses Gefühl wie automatisch. Dennoch bleibt es etwas, was du in deinem Körper machst.
Ich lade dich ein, ein Experiment zu starten. Schau, ob du Lust hast, es auszuprobieren. Falls nicht, ist es kein Problem, mir nochmal zu schreiben und ich mache einen anderen Vorschlag, was du ausprobieren könntest.
Beobachte mal, wie sich Scham bei dir anfühlt. Wie ist dein Atem? Wie groß oder wie klein fühlst du dich? Wo spannst du an? Wo sinkst du zusammen?
Du kannst deine Gefühle über den Körper beeinflussen. Dafür ist es sinnvoll zunächst anzuerkennen: Gerade fühle ich Scham. Das ist okay und verständlich in meiner Familie und mit meinen bisherigen Erfahrungen. Wenn du das anerkannt hast, kannst du dich fragen, ob dieses Gefühl dir gerade weiterhin dienlich ist. Falls nicht, kannst du an die Stelle der Scham etwas dienlicheres setzen. Dafür ist alles hilfreich, was anders ist als das Schamgefühl in deinem Körper. Wenn du in der Scham zum Beispiel flach atmest oder den Atem anhältst, atme tief. Falls du dich klein fühlst, mach dich groß und so weiter. Das mag dir alles erstmal richtig komisch vorkommen. Beobachte, welche Erfahrung du damit machst und inwiefern es dir gelingt, Einfluss darauf zu nehmen, wie sehr die Scham dich im Griff hat.
Außerdem könntest du unsere Tipps für die Selbstbefriedigung ausprobieren. Denn falls du in hoher Muskelspannung Selbstbefriedigung machst, machen sich Schamgefühle leichter breit. In einem locker bewegten Körper haben es Schamgefühle deutlich schwerer.
Du beschreibst Gedankenspiralen und Schuldgefühle, die lange anhalten und über die eigentliche Situation hinausgehen. Das könnten Hinweise darauf sein, dass es dir insgesamt nicht besonders gut geht und du möglicherweise Schwierigkeiten im Alltag erlebst. Mich würde daher interessieren, wie es dir allgemein geht. Vielleicht möchtest du mir dazu nochmal schreiben. Dann könnte ich dich dabei unterstützen, dass es leichter werden kann. Gib dann bitte die Nummer dieser Frage an.
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