Hallo!
Ich bin weiblich, 59 Jahre alt, seit 31 Jahren verheiratet und habe seit einem Jahr eine ADHS Diagnose. Zur Zeit nehme ich Elvanse (70mg), bin aber nicht sicher, ob das Medikament hilft.
Zudem habe ich Hashimoto-Thyreoditis, wogegen ich seit Jahren Euthyrox nehme.
Da das ganze Thema sehr komplex ist (Hashimoto+ ADHS+ Menopause) bin ich inzwischen dabei, mit diversen Ärzten Termine auszumachen (Gynäkologin, Psychologe, Endokrinologe). Das dauert aber ????.
Nun habe ich Eure Seite gefunden und erhoffe mir eine Antwort/ Einschätzung zu meiner Situation.
Im Laufe meines Lebens hatte ich immer „Probleme“ zum Orgasmus zu kommen. Eine Stimulation über die Vagina alleine hat mich selten dazu gebracht. Oft brauche ich zusätzlich die Stimulation der Klitoris. Sexspielzeug, „Kino im Kopf“ und / oder Pornos helfen auch. All das führt dazu, daß der Sex mit meinem Mann oft nur für ihn zum Höhepunkt führt. Damit war bin ich oft auch okay, weil es mir auch Freude und Befriedigung bringt, ihn zu befriedigen.
Allerdings gab es Zeiten, zu denen Sex „einfacher“ war:
Eine Zeit lang hatte ich die Einnahme von Euthyrox ausgesetzt. In dieser Zeit war ich sehr viel leichter erregt und wir haben viel neues ausprobiert (Outdoor Sex, Swingerclub, neue Sextoys). Mein TSH war dann aber irgendwann bei 118 und meine Ärztin warnte mich vor einem Schilddrüsen-Koma. Also wurde ich erneut eingestellt.
Mein TSH war bei 135mg bei 0,015, ist nun mit 100mg bei 4. Ich möchte ihn wieder etwas senken und nehme aktuell (nach Absprache mit meiner Hausärztin) 112mg, um im Ganzen wieder etwas aktiver zu werden. Ende des Jahres habe ich einen Termin beim Endokrinologen.
Im vergangenen Jahr, hatte ich mich von meinem Mann getrennt. Als er jemanden Neues kennen gelernt hat, habe ich jedoch alles daran gesetzt, ihn zurück zu gewinnen.
Ich habe in dieser Zeit meine ADHS-Diagnose bekommen und einiges darüber gelernt. Diese Erkenntnisse haben mir sehr geholfen, auch meinem Mann einiges zu erklären, was unsere Beziehung belastet hat (Chaos, Vergesslichkeit, starke Emotionalität, …).
Wir hatten auch während er mit der anderen Frau zusammen war Sex miteinander (war mit ihr wohl bei weitem nicht so gut für ihn). In diesen Situationen war ich auch wesentlich leichter erregbar, als vor unserer Trennung und auch nach unserer Wiedervereinigung. Vielleicht, weil es „verbotener“ Sex war?
Wir haben seitdem wesentlich häufiger Sex miteinander und meinem Mann gefällt das immer sehr. Nur mir fehlt der Orgasmus oft.
Ich habe in diesem Jahr (durch Liebeskummer und eine Ernährungsumstellung) außerdem mein Gewicht von ~105 kg auf 70 kg reduziert.
Kann es sein, daß ADHS und die dadurch andere Verarbeitung von Dopamin und Adrenalin in meinem Gehirn, mein Empfinden beim Sex beeinflussen?
Ich hätte gerne, daß ich schneller und einfacher kommen kann.
LG
P.S.: Eure Seite ist toll!
P.P.S.: Ich hoffe, die „Frage“ ist nicht zu konfus gestellt ????
Unsere Antwort
Dein Thema mit dem Orgasmus "Eine Stimulation über die Vagina alleine hat mich selten dazu gebracht." ist zunächst einmal weit verbreitet. Wenige Frauen kommen durch vaginalen Geschlechtsverkehr ohne aktive Lernschritte zum Orgasmus. Der Innenraum Vagina ist bei vielen erstmal ein weißer Fleck auf ihrer Körperlandkarte. Der außenliegende Teil der Klitoris wird viel häufiger erforscht und erkundet.
Mich interessiert unabhängig von den Medikamenten und Vorerkrankungen aus sexualtherapeutischer Sicht zunächst, wie du deinen Körper beim Geschlechtsverkehr einsetzt. Holst du dir durch deine Körperbewegungen aktiv die Stimulation, die sich für dich gut anfühlt? Wie viel spürst du in deiner Vagina? Macht ihr ein Vorspiel und wie läuft das ab?
Mir scheint es so, als hättest du schon eine gut gefüllte Schatzkiste an Dingen, die dir zu einem Orgasmus verhelfen. Deine bisherigen Schätze sind: Stimulation der Klitoris, Sexspielzeug, Fantasien und Pornos. Zu diesen bereits vorhandenen Schätzen könntest du durch Übung noch ein paar hinzufügen, die mehr mit dem körperlichen Spüren zu tun haben. Denn das ist eine ganz besonders krisenfeste Ressource für die Sexualität. Beachte dabei auch, dass es schon ein recht hoher Anspruch ist, dass die Sexualität ohne zusätzliche Stimulation an der Klitoris gehen sollte.
Insbesondere empfehle ich dir, dein Gespür und die Durchblutung im Beckenraum zu fördern. Das vaginale Erleben wird dadurch spannender. Sowieso lege ich dir sehr ans Herz, dich beim Sex zu bewegen. Der Fokus auf Bewegung ist hilfreich, weil du dann mehr spannendes im Körper erlebst. Das bedeutet, es wird weniger nötig auf Fantasiequellen zu setzen. Es gibt einige Wahrnehmungen, die aktuell nett und leicht prickelnd sind, aber nicht primär wirklich aufregend und erst mit der Übung erregender und erfüllender werden. Der Körper selbst wird zu etwas, was spannend ist und du angenehm erlebst. Zum Beispiel beim Spiel mit deinen Beckenbodenmuskeln.
Nun zu deiner konkreten Frage zu Zusammenhängen von ADHS und deinem Empfinden beim Sex: Ganz allgemein würde ich sagen "Nein, dein Empfinden beim Sex beeinflusst es nicht." Also dir ist trotzdem die komplette Bandbreite an körperlichen sexuellen Empfindungen zugänglich. Es kann allerdings gut sein, dass du schneller frustriert bist, wenn es sich beim Sex nicht besonders aufregend oder angenehm anfühlt. ADHS kann also insofern schon deine sexuelle Erregung negativ beeinflussen. Bei Menschen mit ADHS wäre also Achtsamkeit ein Thema. Das bedeutet, lernen, das was ist, zu akzeptieren und das positive darin zu sehen. Viele Menschen mit ADHS haben vergleichsweise größere Schwierigkeiten den Käse zu sehen statt nur die Löcher. Bei deiner Beschreibung klang das jetzt nicht so durch. Es wäre interessant, zu schauen wie das bei dir ist.
Wenn du nun beim Sex frustriert bist, weil der nicht wahnsinnig spannend ist, hat das Auswirkung auf dein weiteres sexuelles Erleben. Die andere Dopaminverarbeitung ist deshalb schon beteiligt an größeren Herausforderungen. Vor allem dann, wenn die körperliche sexuelle Erregung von sich aus nicht wahnsinnig gut funktioniert. Die sexuelle Erregung ist eine Bilanzrechnung aus erregenden Quellen und störenden Faktoren. Je mehr erregende Quellen du für dich entdeckt hast, desto weniger können die störenden Faktoren Einfluss nehmen
Bis du etwas neues als angenehm und/oder erregend erlebst, braucht es einige Wiederholungen. Auch hier bist du mit ADHS besonders gefordert, die Motivation aufrecht zu erhalten. Ich sage das vorneweg, damit du dir rechtzeitig überlegen kannst, wie du mit Motivationstiefs umgehst. Es ist ratsam, dass du das Üben so gestaltest, dass du schnell belohnende Resultate bemerkst.
Die sexuelle Erregbarkeit bei ADHS ist nicht anders. Allerdings ist bei ADHS ganz grundsätzlich die Suche nach "dem Kick" hoch, also wichtig. Und somit kann es auch für die Sexualität wichtig sein. Da kann zum Beispiel das Verbotene besonders reizvoll sein. Das hat nichts mit der sexuellen Funktion zu tun sondern mit einer emotionalen Suche. Das Aufregende scheint auch bei dir wichtig zu sein. Dann spielt Dopamin schon eine Rolle. Immer wenn wir etwas aufregendes erleben, kommt Dopamin mehr ins Spiel.
Über die Medikamente sollen am besten deine behandelnden Ärzt*innen etwas sagen. Unabhängig davon ist sexualtherapeutisch mit den oben genannten Anregungen viel erreichbar.
Wir sind keine Endokrinologie Spezialisten. Dennoch erscheint es uns wichtig für deine körperliche Gesundheit, dass der Schilddrüsenwert im normalen Bereich ist. 118 ist erheblich zu hoch. Eigentlich sollte der Wert nicht höher als 4 sein. Ein Aussetzen der Medikamente für einfachere Sexualität würden wir nicht empfehlen. Da gibt es, wie oben beschrieben, andere Möglichkeiten, die deine Gesundheit nicht gefährden.
Du schreibst, dass du das Orgasmusthema immer hattest. Da liegt die Vermutung nahe, dass es nicht erst durch die Schilddrüsenerkrankung ausgelöst wurde. Es könnte aber gut sein, dass es durch die Erkrankung verstärkt wurde.
Zu den Zusammenhängen zwischen Schilddrüsenerkrankungen und sexueller Funktion ergibt sich laut aktueller Studienlage (abgerufen über OpenEvidence KI) ein recht eindeutiges Bild: Frauen mit Schilddrüsenerkrankung (Über- oder Unterfunktion) haben ein etwa 2 fach erhöhtes Risiko für Beeinträchtigungen der sexuellen Funktion. Das betrifft sexuelles Verlangen, Orgasmusfähigkeit, Erregung und Lubrikation sowie sexuelle Zufriedenheit. Viele sexuelle Funktionsstörungen sind unter Medikation reversibel, Orgasmusstörungen bleiben allerdings auch bei entsprechender Medikation häufig bestehen. Das bedeutet, dass für eine vollständige Normalisierung der Orgasmusfähigkeit zusätzlich zum Beispiel sexualtherapeutisch unterstützt werden sollte.
Der Zusammenhang zwischen Schilddrüsenerkrankung und sexueller Funktion wird durch verschiedene Faktoren vermittelt:
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Hormonelle Veränderungen: Schilddrüsenüberfunktion erhöht das sexualhormonbindende Globulin (SHBG) und senkt freies Testosteron, was negativ mit der sexuellen Funktion korreliert
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Psychische Faktoren: Depressive Symptome sind bei beiden Schilddrüsenfunktionsstörungen häufig und korrelieren stark mit sexueller Dysfunktion
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Autoimmunität: Bei autoimmuner Schilddrüsenerkrankung (Morbus Basedow, Hashimoto-Thyreoiditis) verstärkt die Autoimmunität zusätzlich die sexuelle Dysfunktion, insbesondere das sexuelle Verlangen
Solche Beeinträchtigungen durch eine Erkrankung bedeuten für dich lediglich, dass die Ausgangsbedingungen etwas schwieriger sind als bei anderen Menschen ohne diese Vorerkrankung.
Wenn du Elvanse nimmst und gleichzeitig die genannten extremen Schilddrüsenwerte (wie TSH 0,015 oder 118) vorliegen, hast du zwei völlig unterschiedliche Faktoren, die dein Hormon- und Nervensystem gleichzeitig manipulieren. Das sollten die behandelnden Ärzt*innen auf jeden Fall berücksichtigen und gut beobachten, wie du die beiden Medikamente in Kombination verträgst.
Du kannst uns einfach wieder schreiben. Beachte allerdings, dass unser Fragefenster am Sonntag in die Sommerpause geht.
Noch ein Tipp am Rande für den Fall, dass du gerne liest: das Buch von Mandy Mangler: "Don’t miss the clitoris" können wir empfehlen. Es beschreibt die Klitoris (also das ganze Schwellkörperorgan) als unser Haupterregungsorgan und hört auf mit dem Mythos vom „vaginalen“ Orgasmus, der angeblich vollwertiger sein sollte. Möglicherweise erhältst du durch das Buch ganz neue Einblicke in die sexuelle Erregungs- und Orgasmusfähigkeit der Frau.
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